Logan rennt. Er hat es eilig. An seiner Hand eine hübsche Dame, deren Name nichts zur Sache tut, denn ihre einzige Funktion im gesamten Film ist es, den Sandmann an ihrer Seite gut zu finden – nicht die Märchengestalt wohlgemerkt; die Sandmänner bilden im Film eine Polizeieinheit, deren Hauptaufgabe es ist, wiederum alle anderen Menschen am Rennen zu hindern.
Aber zurück in die Zukunft: Flucht ins 23. Jahrhundert heißt der Film in der deutschen Fassung und auch wenn das zunächst sehr futuristisch anmutet, müsste der Titel viel eher Flucht aus den Shopping Malls der 1970er in die ländliche Idylle der 1950er lauten, was zugegebenermaßen aus vermarktungstechnischer Sicht etwas umständlich wäre. In diesem Zukunftsszenario, das sich an der gleichnamigen Buchvorlage von William F. Nolan und George Clayton Johnson von 1967 orientiert, leben die Nordamerikaner unter einer gewaltigen transparenten Kunststoffkuppel. Als der Film 1976 in die Kinos kommt, schließen solche Kuppelstädte bereits an eine längere literarische Tradition an: Gläserne oder zumindest transparente Kuppeln als Entwürfe urbaner utopischer Architektur tauchen sowohl in H. G. Wells‘ When the sleeper wakes (1899) als auch in Fred MacIsaacs The Hothouse World (1931) auf. Im Falle von Andre Lauries Atlantis (1895) oder Stanton Arthur Coblentz‘ The sunken World (1928) tauchen sie sogar unter. In diesem Fall überdacht die Kuppel eine Zukunftsstadt, der man doch sehr deutlich ansieht, dass sie in der echten Welt eine Shopping Mall ist. Konsumistisch ist denn auch der Lebensstil ihrer Einwohner. In leichter Kleidung bummeln sie von einem Vergnügen zum nächsten und frönen der freien Liebe. Schnell jedoch offenbart sich die dunkle Seite der Utopie: Die Stadt wird von einem einzelnen Supercomputer gesteuert und dessen rigorose Biopolitik sieht es vor, dass die Einwohner mit der Vollendung des 30. Lebensjahres erneuert (das heißt: getötet) werden. Es verwundert also nicht, dass viele 29-Jährige die Beine in die Hand nehmen und aus der Kuppel zu entkommen suchen. So schließlich auch Logan, dessen Aufgabe es eigentlich ist, dies zu verhindern. Wenig überraschend gelingt ihm die Flucht ins Freie, einen Ort, an dem eigentlich gar kein Leben möglich sein dürfte. In den Ruinen des Lincoln Memorials in Washington, D.C. trifft er jedoch einen alten Mann, dessen Existenz das Gegenteil beweist.
Was in den 1970er-Jahren vielleicht noch als Kapitalismuskritik im Sinne einer ökologischen Counter Culture verstanden werden konnte, verursacht aus heutiger Perspektive aber ein Dilemma. Auf der einen Seite ist da die Kuppelstadt, die urbane Utopie inmitten einer postapokalyptischen Wildnis. Der Schutz vor den Gefahren der Außenwelt wird hier mit Unfreiheit erkauft – die verkürzte Lebensdauer der Einwohner verstärkt nur die Drastik des Szenarios und macht den Zuschauern die Urteilsfindung leicht, grundsätzlich spielen aber fast alle Glaskuppelgeschichten mit dem Gegensatz von Sicherheit und Freiheit. Auf der anderen Seite erstreckt sich die Außenwelt: Eine gar nicht so lebensfeindliche Wildnis, in der man in Ruhe alt werden und monogame Paarbeziehungen eingehen kann. Für Naturliebhaber eine klare Entscheidung. Kritisch betrachtet werden muss jedoch die Dichotomie zwischen Natur und Kultur, Vergangenheit und Zukunft beziehungsweise Tradition und Fortschritt, die hier räumlich aufgespannt wird. Ein dystopisches Szenario zu entwerfen ist leicht, ungleich schwieriger ist es, ernsthafte Alternativen dazu zu finden. In Logan’s Run bildet die Alternative zur Kuppelwelt die paläokonservative Vorstellung vom freien Leben in der wilden Natur, von der Ehe zwischen Held und Nebendarstellerin und der daran anschließenden christlichen Kernfamilie vor dem historischen Hintergrund der einstigen Vereinigten Staaten von Amerika. Während sich die Kuppelbewohner zumindest keine Gedanken über den nächsten Regenguss machen müssen, hat das im Film propagierte Leben in der Außenwelt nichts Progressives anzubieten, sondern schwelgt in einer Sentimentalität, bei der man nicht recht weiß, welcher längst vergangenen Zeit eigentlich nachgetrauert werden soll. Die Flucht ins 23. Jahrhundert offenbart sich damit auch als Flucht in eine undefinierbare Vergangenheit, keine Utopie, sondern (in der Formulierung des Soziologen Zygmunt Baumann) eine Retrotopie, deren Eskapismus entlarvend ist.

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