Freiheit oder Glück? Die unlösbare Gleichung in Evgenij Samjatins ‚Wir‛ (1920)

Es ist das erste Buch, das in der Sowjetunion offiziell verboten wurde. Hatte Samjatin drei Jahre zuvor noch in der Februar- und Oktoberrevolution auf der Seite der Bolschewiki gekämpft und galt als harter Kritiker des russischen Zarenreichs, so machten die Schrecken der Revolution alle Illusionen auf eine bessere Zukunft bald zunichte. Auch wenn sich sein Roman Wir (original: Мы) heute nicht als eindeutige Kritik an der Sowjetunion liest, sondern verschiedene Einflüsse mitnimmt, erschien er bei seiner Veröffentlichung 1920 den Bolschewiki offensichtlich als zu kritisch. Samjatin musste nach England ins Exil gehen. Sein Roman wurde im Ausland in verschiedenen Versionen publiziert und erlangte außerhalb der Sowjetunion bald große Bekanntheit. Schriftsteller wie Aldous Huxley und George Orwell wurden maßgeblich von Samjatin beeinflusst und gelten heute bei vielen – zu Unrecht – als die Erfinder des dystopischen Romans.

Was aber steckt in einem so schmalen Büchlein – die deutsche Übersetzung ist gerade einmal 150 Seiten dick –, das ein ganzes Weltreich ins Wanken bringen könnte? Das Szenario, das Samjatin zeichnet, könnte vor dem Hintergrund des ersten Weltkriegs nicht passender sein: Durch einen 200 Jahre währenden Krieg ist die Menschheit drastisch reduziert worden. Die Überlebenden haben sich im Einen Staat zusammengeschlossen, einem Stadtstaat, der durch eine gläserne Mauer von der Wildnis außerhalb geschützt wird. Nahezu alles ist im Einen Staat aus Glas: Die Mauer, die Straßen, die Häuser – einzig das Liebesleben wird durch eine Anstandsgardine von den Blicken der Nachbarn getrennt – und auch die Bürger des Einen Staates sind dank der eifrigen Überwachung durch den nicht all zu geheimen Geheimdienst völlig transparent. Einer von ihnen: Der Protagonist D-503, Konstrukteur der Integral, des Raumschiffs, das auch den Völkern des Weltalls den Einen Staat näher bringen soll. Aber die heilige Mission ist bedroht, denn mitten unter den treuen Staatsbürgern und außerhalb der Mauer planen revolutionäre Kräfte im Geheimen bereits den Umsturz.

Ob der Roman tatsächlich als Kritik an den Bolschewiki gedacht war, darüber ließe sich lange diskutieren. Einerseits führt Samjatins klassenlose, uniforme und kollektivistische Gesellschaft die kommunistische Utopie ad absurdum und hält ihr einen radikalen Individualismus entgegen. Andererseits kann das bis dahin sehr wenig industrialisierte Russland kaum als Vorlage für den tayloristischen Industriestaat gedient haben, den er in Wir beschreibt. Zumindest in dieser Hinsicht scheint ihm England als Vorbild gedient zu haben. Ist der Beschützer des Einen Staates, jener beinahe übermenschliche Messias, am Ende doch eine Metapher für die unsichtbare Hand des freien Marktes? Zumindest von Freiheit kann in Wir allerdings keine Rede sein, weder des Marktes, da die Wirtschaft zentralistisch gesteuert ist und keinen Wettkampf kennt, noch der Bürger, die von der Last jeder freien Entscheidung befreit sind. Glück, so die Maxime des Einen Staates, geht immer mit Unfreiheit einher, denn die Menschen sehnen sich danach, nicht selbst für ihre Taten Verantwortung übernehmen zu müssen. So provokant diese These auch klingen mag, so ließe sich doch einwenden, dass wir heute zwar wesentlich freier, aber nicht unbedingt glücklicher sind als die Bürger in Samjatins fiktivem Staat. Oder führt uns der Text in eine Falle? Um Utopien zu verfassen, egal ob glaubwürdige oder unglaubwürdige, benötigt es eine gute Portion Progressivität. Für die Anti-Utopie oder Dystopie ist das nicht von Nöten, denn für den Konservativen sieht die Zukunft immer schwarz aus. Und so lässt sich wie auch bei Orwells 1984 die Frage stellen, welche Alternative uns Samjatin eigentlich zum Einen Staat anbietet. Jenseits der Mauer finden sich nur die romantisch verkitschte Idee eines Lebens in der wilden, nahezu unberührten Natur und die Rückkehr zur christlichen Kernfamilie – ein Aspekt, den der Text zwar nicht ausspricht, der aber durch den Kontrast mit der staatlich erzwungenen Polyamorie zumindest impliziert wird. Und so sei auch dieser ohne Zweifel großartige Roman mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

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