Jemand musste Mr. Buttle verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verhaftet. So ließe sich die Geschichte aus der Perspektive des unschuldigen Familienvaters erzählen, der aufgrund eines Druckfehlers mit einem Terroristen namens Tuttle verwechselt, gefangen, gefoltert und getötet wird. Ein bürokratischer Irrtum, für den der unscheinbare Sam Lowry, Angestellter des Informationsministeriums, Verantwortung übernehmen muss und der Skrupel in ihm weckt. Ein Held ist er jedoch nicht. Kein moderner Robin Hood, wie der gesuchte Verbrecher Archibald Tuttle, der heimlich Heizungen repariert, kein Rebell wie die Lastwagenfahrerin Jill Layton, in der er die Frau seiner Träume erkennt. Lowry ist zum Folgen angestellt, also folgt er. Also wie gegen ein System rebellieren, dessen Teil man selbst ist?
Kafkaesk ist die Welt, die Terry Gilliam in Brazil malt und die übrigens nichts mit dem Land Brasilien zu tun hat, sondern sich auf die unpassend nostalgische Filmmusik bezieht. Ary Barrosos Samba-Hit Aquarela do Brasil von 1939, der das musikalische Leitmotiv des Films bildet, vertonte in den 1940er-Jahren die Sehnsucht vieler US-Amerikaner nach dem traumhaften Süden – eine Utopie, die in Anbetracht der dortigen politischen Situation ironisch erscheinen musste. Auch in der dystopischen Welt von Brazil scheint Eskapismus der einzige Ausweg zu sein. Eine furchterregende Metropole, Cyberpunk ohne Cyber, aber dafür mit jeder Menge Papierkram und noch mehr Rohren, eine groteske Infrastruktur, die selbst das privateste Kämmerlein mit dem von einer mafiösen Behörde kontrollierten (Heiz-)System verbindet. Dazu kommt die absurde Akribie des Informationsministeriums, welches der Frau des unschuldig ermordeten Mr. Buttle noch mehrere Unterschriften abnötigt, für die Akten.
Dabei ist Brazil aber ebenso wenig wie Kafkas Prozess nur eine Alltagskritik an einem all zu umständlichen Organisationssystem, das eigentlich der Komplexitätsreduktion dienen soll. Sowohl Kafka als auch Gilliam erkennen in der Bürokratie das, was der Soziologe und Philosoph Michel Foucault als Dispositiv bezeichnet: ein Mittel zur Durchsetzung von Macht. Auf diese streng hierarchische „Herrschaft der Verwaltung“ (franz. bureau + altgriech. κράτεια) stützt sich die dystopische Kontrollgesellschaft, die wie in den meisten Fällen nicht gänzlich u-topisch, sondern nur eine fiktionale Überspitzung realer Verhältnisse ist. Ähnlich wie das Gericht im Prozess produziert das Informationsministerium dabei laufend Widersprüche, die sich jedoch durch die Kleinteiligkeit der Verfahren unmöglich sezieren lassen. Der bürokratische Apparat verschleiert seine eigene Dysfunktionalität, ersetzt Komplexität durch Kompliziertheit. Die Bürokratie vereinzelt und steht gleichzeitig der individuellen Selbstentfaltung im Wege.
Konsequenterweise ist keine Figur langweiliger als der Protagonist Sam Lowry. Viel interessanter ist da seine Angebetete Jill Layton, die wir nur durch den Male Gaze des Protagonisten zu sehen bekommen, welcher in seinen Träumen auch einmal ein Held sein möchte. Aber vielleicht will die blonde Unschuld, die eher wie die Vorgängerin von Furiosa anmutet, ja gar nicht von einem wahnsinnigen Büroangestellten gerettet werden? Dann ist da natürlich Archibald Tuttle, gespielt von Robert de Niro, ein Anarchist, wie er im Buche steht. Ein Anarchist muss man auch sein, um der Bürokratie die Stirn zu bieten. Das wusste auch Kafka, der Kropotkins Reden eines Rebellen gelesen hat, Versammlungen tschechischer Anarchisten besuchte und zusammen mit seinem Freund Otto Groß plante, eine Zeitschrift mit dem Titel Blätter gegen den Machtwillen herauszubringen. Nur enden Kafkas Texte ausnahmslos in der Resignation. Zu schwach ist der Einzelne im Kampf gegen das (Achtung, linker Kampfbegriff) System.
Auch Brazil ist ein flimmernder Schlagabtausch zwischen Illusion und Desillusion (und jeder Menge Plottwists, die nicht selten mit effektvollen Explosionen einhergehen). Hoffnung und Enttäuschung gehen Hand in Hand und je nachdem, für welche Fassung des Films man sich entscheidet (für das amerikanische Publikum war die Originalfassung angeblich zu düster, weshalb der Film gegen Gilliams Willen um fast eine Stunde gekürzt wurde), nimmt die Geschichte einen unterschiedlichen Verlauf. Die Aufführung des Films war an sich schon ein Kampf des Regisseurs gegen den Filmvertrieb, der in einer wütenden Zeitungsanzeige gipfelte, in welcher Gilliam den Chef von Universal Studios fragte, wann er denn gedenke, seinen Film Brazil zu veröffentlichen. Eine Guerillaaktion, die von Erfolg gekrönt war.
Brazil mangelt es trotz aller offensichtlichen (nicht nur zeitlichen) Nähe zu Dystopien wie 1984 keineswegs an Humor. So wie auch Kafka die Absurdität des Systems mit einer Mischung aus Situationskomik, Übertreibung und präzisen Beobachtungen entlarvt, so hat auch Terry Gilliam, Mitbegründer der Gruppe Monty Python und Regisseur großartiger Komödien wie The Holy Grail (1975), einen Sinn für das Groteske. Dem Lachen kommt hier eine doppelte Funktion zu: Es ist einerseits kompensatorisch: Man lacht, um nicht weinen zu müssen. Es ist aber auch in seiner Unbeherrschbarkeit – Kenner des Films Life of Brian (1979) erinnern sich an Pontius Pilatus und seinen Freund – Ausdruck des Widerstands, ein anarchisches Moment, die performative Umkehr aller Hierarchie. Für den, der sich angesichts der Ungerechtigkeit und Unterdrückung in eskapistische Träumereien flüchtet, hält Brazil nur den Wahnsinn bereit. Archibald Tuttle jedoch, dessen althochdeutscher Vorname wohl nicht zufällig auf Kühnheit verweist, verschließt vor den Missständen nicht die Augen und beantwortet die Vereinzelung der Bürokratie mit Klassenbewusstsein: „We’re all in this together!“ Jedoch kann selbst Tuttle dem Papierkram nicht alle Zeit entrinnen, wird schließlich förmlich davon verschlungen. Oder befinden wir uns hier wieder einmal im Kopf eines irren Bürokraten? Wie dem auch sei, der Regisseur zumindest hat den Papierkrieg überlebt, seinen Kampf für die Kunstfreiheit und gegen die vorsätzliche Verblödung des Massenpublikums fortgesetzt. An ihm ließe sich ein Beispiel nehmen.

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