Hegels feuchter Traum? Auf Tauchgang mit Ursula K. Le Guins ‚The Lathe of Heaven‛ (1971)

Eine Qualle treibt im Ozean. So beginnt Ursula K. Le Guins Roman The Lathe of Heaven (in der deutschen Übersetzung: Die Geißel des Himmels), doch wer sich auf posthumanistische Quallen-Science Fiction gefreut hat, wird nach einer Seite enttäuscht, denn die Qualle ist nur eine Metapher für das fragile, doch mächtige Unterbewusstsein im Meer der Träume.

Portland im fernen Jahre 2002: Der drogensüchtige George Orr (nicht Orwell, der ist schon tot) hat seltsame Träume, Träume, die die Realität verändern. Der idealistische Psychiater Dr. Haber soll helfen und wittert in George bald ein mächtiges Instrument zur Rettung der Welt. Aber mit jedem Versuch, George’s Träume zu beeinflussen, entgleitet ihnen die Kontrolle ein wenig mehr…

In Le Guins SF-Roman wird man mit zwei Arten von Idealismus konfrontiert. Zum einen ist da der ethische Idealismus im alltagssprachlichen Sinne, wie ihn Dr. Haber an den Tag legt: der Wille, die von Krisen geplagte Welt zu einem besseren Ort zu machen. In der Ausgangssituation zu Beginn der Romanhandlung sind das eine drastische Überbevölkerung und ein Klimawandel, der sämtliche Kipppunkte bereits überschritten hat – eine Gefahr, der sich Le Guin immerhin schon im Jahre 1971 bewusst war. Wie wenig Menschen jedoch die Konsequenzen ihrer Handlungen einschätzen können, sei es auch zur Rettung der Welt, illustriert der Roman auf eindringliche Art und Weise (während die Verfilmung von 1980 sich damit begnügt, George und Haber schockiert aus dem Fenster blicken und „six billion!!!“ rufen zu lassen). Le Guin geht es offensichtlich darum, den Blick für das, was wir für gewöhnlich unter menschlicher Agency verstehen, von einer intentionalen Handlungsmacht in Richtung einer nicht-intentionalen Wirkmacht zu verschieben, den aktivistischen Gestaltungswillen also ein wenig in Schranken zu weisen, denn was geschieht, wenn man einzelnen Idealisten zu viel Macht gibt, lässt sich auch heute am Beispiel diverser Tech-Milliardäre illustrieren.

Zum anderen der Idealismus im philosophischen Sinne, der von Platons Ideenlehre über Kant, Fichte und Schelling und schließlich bis in die Alltagsphilosophie der Gegenwart maßgeblich von G. W. F. Hegel beeinflusst wurde: Das Bewusstsein bestimmt das Sein, das heißt der materiellen Welt liegt eine immaterielle Idee zu Grunde. Le Guin nimmt diesen Gedanken, an dem sich Generationen von Marxisten kritisch abgearbeitet haben, wörtlich und konstruiert ein Szenario, in dem tatsächlich das (Unter-)Bewusstsein unmittelbare Veränderungen an der materiellen Welt vornehmen kann – mit verheerenden Folgen. Als Le Guin dies schreibt, ist Hegel bereits seit 140 Jahren tot und die Psychoanalyse liefert theoretische Erklärungen dafür, wie verdrängte Lüste und Ängste im Traum wieder sichtbar werden. Die großen Ideen bzw. Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts haben sich in zwei Weltkriegen und mehreren Revolutionen entladen. Ist Le Guins Roman nun aber eine kritische Überzeichnung des hegelianischen Weltbildes, das statt in der harmonischen Synthese von These und Antithese im totalen Chaos endet? Eine derartige Lektüre hat jedenfalls ihren Reiz. Der Text unternimmt allerdings keine weiteren Versuche, am Idealismus Kritik zu üben, sondern mündet im Gegenteil in der individualistischen Auffassung, dass es am besten für alle Beteiligten wäre, sich auf sich selbst zu konzentrieren, um größere Katastrophen zu vermeiden. Mit dieser doch sehr liberalen Schlussfolgerung bleibt der Roman am Ende bewusst apolitisch, verwehrt sich ganz im Sinne Margaret Thatchers (es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen und deren Familien) einer soziologischen Perspektive. Obwohl George eindeutig zu jedem Zeitpunkt zum unterprivilegierten Teil der Bevölkerung gehört, sucht man so etwas wie Klassenbewusstsein vergebens. Das Individuum steht alleine gegen die Ungerechtigkeit der Welt – da erscheint der Eskapismus ins Reich der Träume schon fast wieder menschlich.

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