In einer totalitären Gesellschaft ist ein Lachen schon manchmal ein befreiender, ja rebellischer Akt. Machte die satirische Übertreibung das bedrückende Setting in Terry Gilliams erster Dystopie Brazil noch erträglich, so ist 12 monkeys, der zweite Film im sogenannten Orwellschen Triptychon, überraschend humorlos für einen Regisseur, der in der Komikertruppe Monty Python groß geworden ist. Es mag daran liegen, dass für das Drehbuch nicht Gilliam, sondern David Webb Peoples ausgewählt wurde, vielleicht auch daran, dass 12 monkeys eine Hollywoodproduktion ist und Hollywoodhumor sich nicht gerade durch Subversion auszeichnet. Ist Terry Gilliam nun im Mainstream angelangt? Die Wahl der Darsteller – Bruce Willis in der Haupt- und Brad Pitt in einer Nebenrolle – spräche dafür. Doch auch wenn 12 monkeys wesentlich stärker an die Sehgewohnheiten des Hollywoodpublikums anschließt als seine Inspirationsquelle, der französische Experimentalfilm La jetée (1962) von Chris Marker, ist Gilliams Film noch weit vom Mainstreamkino entfernt.
Auf den ersten Blick ist 12 monkeys ein Zeitreisefilm, mit all den erzählerischen Tücken, die sich daraus ergeben. Im Jahre 2035 ist die Menschenwelt verheert, nachdem ein Virus fünf Milliarden Menschen dahingerafft hat. Schwerverbrecher James Cole, gespielt von Bruce Willis, wird von einigen Wissenschaftlern in die Vergangenheit geschickt, um entweder die Ursache des Virus zu finden oder zumindest eine noch nicht mutierte Virusprobe in die Gegenwart zu schmuggeln. Ein Irrtum führt ihn jedoch geradewegs in eine geschlossene Psychiatrie und in die schickt Terry Gilliam sein Publikum auch, denn schon bald ist nicht mehr klar, wer eigentlich verrückt ist und wer nicht. Handelt es sich bei 12 monkeys wirklich um einen Zeitreisefilm oder bildet sich James Cole alles nur ein? An Hinweisen herrscht kein Mangel und gerade diese Fülle an Details mag von dem Loop ablenken, der dem Publikum mehrfach im Film, in Zeitlupe und Überbelichtung präsentiert, aber eben erst dann erklärt wird, als es bereits zu spät ist. Die Ursache der Pandemie liegt die ganze Zeit über auf der Hand, doch das Publikum ist hier genauso verblendet wie James Cole, der den falschen Spuren folgt, die er in der Vergangenheit versehentlich selbst gelegt hat. Der Film greift damit ein Paradoxon auf, das schon der griechische Dichter Sophokles in seiner Tragödie um Ödipus thematisiert hat: Beim Versuch, die ihm prophezeite Zukunft zu verhindern, führt Ödipus diese erst herbei, wobei die Frage, ob diese auch ohne sein Zutun eingetreten wäre, die Köpfe zum Rauchen bringt. Während das Publikum des antiken Dramas die Tragik der Situation jedoch bestens überschauen konnte, weiß es in 12 monkeys nicht mehr als James Cole.
Ähnlich wie zuvor schon in Brazil stellt das musikalische Leitmotiv einen eigenartigen Kontrast zu den gezeigten Bildern her. Während die Kamera in seltsamen Weitwinkelaufnahmen eine düstere, und im Gegensatz zur sterilen Weltraum-SF ungewöhnlich verlebte Kulisse einfängt, ertönt in der Ferne argentinischer Tango, wie ein Versprechen an eine ferne, bessere Welt voller Leben. Im Gegensatz dazu steht die Bedrohung durch das vermeintliche oder tatsächliche Virus. Ästhetisch spiegelt sich hier wider, was auf der inhaltlichen Ebene durch die bewusste Komplizierung der Handlung in den Hintergrund gerückt wird. Freiheit ist eines der zentralen Themen in Dystopien und meistens macht sie sich darin gerade durch ihre Abwesenheit bemerkbar. James Cole beginnt (bzw. endet) als Gefangener der Wissenschaftler, setzt seine Mission als Gefangener in der Psychiatrie fort, wird schließlich (wie auch das Publikum) zum Opfer seiner selektiven Wahrnehmung und muss feststellen, dass sein ganzes Leben einer Zeitschleife gefolgt ist. Die fantastische Idee, durch Zeitreisen in die Vergangenheit auch die Gegenwart effektiv ändern zu können, wird in ein Paradoxon überführt, in dem Ursache und Wirkung nicht mehr zu trennen sind.
Während frühe utopische Romane oft tatsächlich an (nahezu) unerreichbaren Orten spielten (altgriech. Οὐ = „nicht“ + τόπος = „Ort, Stelle“, → „Nicht-Ort“ ), haben sich die Szenarien mit der zunehmenden Entdeckung der Welt immer mehr von der Ort- auf die Zeitebene verschoben, sind also eigentlich U-chronien oder im Negativfall Dys-chronien. Die Dyschronie handelt also eigentlich von „schlechten Zeiten“ und so wie etwa Orwells 1984 daran arbeitet, die Vergangenheit fortlaufend der Gegenwart anzupassen, fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in 12 monkeys in einer endlosen Zeitschleife zusammen. Gilliams Dystopie erweist sich damit als totale Dyschronie, aus der es keinen Ausweg gibt. Auch das Zeitschleifenparadoxon soll am Ende die Zuschauer davon ablenken, dass 12 monkeys kein Zeitreisefilm im eigentlichen Sinne ist, sondern es Gilliam vielmehr gelungen ist, die räumliche Ausweglosigkeit klassischer Dystopien in eine zeitliche zu übersetzen. Statt die Zeit jedoch einfach still stehen zu lassen (ein Versuch, an dem Imperien letzten Endes immer zugrunde gehen) faltet Gilliam den Zeitstrahl zum Möbiusband – ein gelungener Griff in die Science- Fiction-Trickkiste, auf den Sophokles wohl neidisch wäre.

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