Arkadi und Boris Strugazki: ‚Es ist nicht leicht ein Gott zu sein‛ (1964). Oder: Von der Tragik, seiner Zeit voraus zu sein

Endlich stellt es jemand richtig: Das „finstere Mittelalter“ hat es nie gegeben, es liegt noch in der Zukunft. Was uns in der Gegenwart als Projektionsfläche für unsere modernen Ängste und Lüste dient – ein Zeitalter des Schmutzes, der Gewalt, Dummheit und Barbarei – wird in dem SF-Roman der Strugazki-Brüder (Originaltitel: Трудно быть богом) auf einen Planeten außerhalb des Sonnensystems verlegt. Während die Erdbewohner inzwischen alle Gewalt hinter sich gelassen und mit der weiträumigen Erforschung des Weltalls begonnen haben, befindet sich die Bevölkerung des Zwillingsplaneten auf dem technologischen und moralischen Stand dessen, was wir uns heute unter dem Mittelalter vorstellen. Mitten unter ihnen: Anton, alias Don Rumata, ein für seine geheime Mission zum Ritter geadelter Erdhistoriker. Sein Auftrag: Die Entwicklung der lokalen Bevölkerung überwachen, ohne dabei in sie einzugreifen. Wird auf das finstere Mittelalter bald eine strahlende Renaissance folgen?

Klar, sagen Marx und Engels, deren historischer Materialismus einflussreich für das Selbstbild der Sowjetunion und damit auch für das brüderliche Autorenduo aus Leningrad (heute Sankt Petersburg) gewesen ist. Der historische Materialismus begreift die menschliche Entwicklung als Einbahnstraße, als anisotropen Weg, wie es im Prolog des Romans angedeutet wird. Die ökonomischen Bedingungen bestimmen den sozialen Fortschritt; mit der zunehmenden technologischen Entwicklung werden damit auch soziale Umwälzungen unvermeidbar. Während bei Marx und Engels die Entwicklung von der Stammesgesellschaft über verschiedene Entwicklungsstufen bis zur kapitalistischen Gesellschaft und darüber hinaus über den Sozialismus zum Kommunismus verläuft, äußern die Strugazki-Brüder, die in der Sowjetunion der 1960er-Jahre keinerlei sozialen Fortschritt erkennen, Kritik an diesem teleologischen Geschichtsverständnis. Nicht zufällig erinnert die Verfolgung der Intellektuellen auf dem fremden Planeten an die Stalinistischen Säuberungen. Angeordnet wurde sie durch den Berater des Königs, Don Reba, in der ursprünglichen Fassung Rebija, dessen Name ein Anagramm des berüchtigten Geheimdienstchefs Berija bildet. So, wie auch mit der Sowjetunion nicht die klassenlose Gesellschaft verwirklicht wurde, die der Kommunismus propagiert, sondern nach ihrem unvermeidlichen Zusammenbruch zu einem kapitalistischen Staat geworden ist, so hält sich auch der SF-Roman nicht an das lineare Geschichtsbild von Marx und Engels. Das alte Feudalsystem wird abgelöst durch einen klerikalen Faschismus und Anton, der vermeintlich moralisch überlegene Erdbewohner, fällt zurück in die Barbarei. Eine alternative, aber nicht minder erschreckende Lösung findet die gleichnamige Verfilmung des Romans von Peter Fleischmann aus dem Jahr 1989. Gibt es überhaupt Hoffnung auf eine bessere Zukunft?

Die Science Fiction ist das vermutlich experimentellste Literaturgenre, nicht in Bezug auf formale und sprachliche Spielereien, wohl aber inhaltlich in dem Sinne, dass darin Szenarien, also fiktive Situationen mit Experimentalcharakter, verhandelt werden. Häufig ist der Autor des Textes damit auch der Versuchsleiter, die Romanfiguren die Versuchskaninchen. In Es ist nicht leicht ein Gott zu sein sind die Rollen jedoch weniger klar verteilt. Sind es die Aliens vom Planeten Erde, die ein Experiment mit ihrer Zwillingsspezies durchführen oder ist Anton selbst mehr Versuchsteilnehmer als Beobachter? Oder sind am Ende sogar die Leser Teil eines Experiments? Das zentrale ethische Dilemma des Romans dürfte vielen jedenfalls bekannt vorkommen. Ist es ethisch vertretbar, in die Entwicklung einer technologisch und moralisch weniger entwickelten Gesellschaft einzugreifen oder gebietet die Ethik gerade eine neutrale Haltung gegenüber anderen Kulturen? Auf der einen Seite stehen die Menschenrechte als Versuch, unabhängig von ihrem Entstehungskontext, gerade universal gültige Regeln für das menschliche Zusammenleben zu etablieren. Mord, Vergewaltigung und Sklaverei sind damit Verbrechen, unabhängig davon, ob sie sich in einem kapitalistischen Staat oder einer antiken Städtegesellschaft ereignen. Auf der anderen Seite ist eine solche Auffassung der Türöffner für den Kolonialismus, denn die Meinungen dazu, was eine moralisch höher entwickelte Gesellschaft ausmacht, gehen auseinander. Schließlich stellt sich auch die Frage nach der Rolle des progressiven Individuums in einer konservativen Gesellschaft. Während Antons Antagonist Don Reba als über alle Maßen durchschnittlich charakterisiert und damit zur Personifikation der stumpfen grauen Massen wird, hebt der Roman einige besonders mutige und intellektuelle Figuren deutlich hervor. Allerdings vermögen diese wenigen Progressiven den Lauf der Geschichte auch nicht zum Besseren zu wenden oder sind wie im Falle des Intellektuellen Budach nicht einmal in der Lage, sich eine bessere Zukunft vorzustellen. Der Roman konfrontiert den ethischen Idealismus der Linken mit einem schonungslosen Realismus, ja: Pessimismus. Gegen die Barbarei der Massen ist mit ein bisschen Bildung nicht anzukommen. Aber gerade an dieser Stelle macht sich der Roman dann doch wieder angreifbar für Kritik aus dem marxistischen Lager, denn die fiktive Zwillingsgesellschaft auf dem fremden Planeten, die weder Solidarität noch Gerechtigkeitssinn kennt, ist eben letzten Endes doch nur eine menschliche Projektion – und die bemisst sich an der Erfahrung ihrer Schöpfer.

Hinterlasse einen Kommentar