Terry Gilliams unterschätztes Glanzstück: ‚The Zero Theorem‛ (2013)

Ratings haben allgemein eine sehr begrenzte Aussagekraft, da schon der Versuch, die Qualität eines Films in eine quantitative Skala zu übersetzen, eine ungeheure Komplexitätsreduktion mit sich bringt. The Zero Thereom, Terry Gilliams krönender Abschluss des Orwellschen Triptychons, hat auf Ratingplattformen im Internet nicht die besten Bewertungen abbekommen, ist in den 2020er-Jahren aber aktueller denn je und rückblickend vielleicht sogar der wichtigste Beitrag des britischen Underdog-Regisseurs zum Science-Fiction-Kosmos. The Zero Thereom ist kein Film über den Sinn des Lebens – dafür kann man Gilliam nur dankbar sein –, sondern einer über die existenzialistische Überforderung, die damit einhergeht, nach diesem Sinn zu fragen. Denn wer nach dem Sinn des Lebens fragt, muss auch dessen potenzielle Sinnlosigkeit in Betracht ziehen.

Das Computergenie Qohen Leth, gespielt von Christoph Waltz, arbeitet bei der IT-Firma Mancom, einem Arbeitsplatz, der wie ein Spielkasino anmutet, Qohen aber nicht das geringste Vergnügen bereitet. Wie ein Besessener müht er sich mit seinen Aufgaben ab, um so schnell wie möglich wieder in die ausgediente Kirche zu kommen, die dem Sonderling als Zuhause dient. Denn seit vielen Jahren wartet er verzweifelt auf einen Anruf, der ihm den Sinn, nicht nur seines eigenen unbedeutenden Lebens, sondern von allem offenbart. Als es ihm schließlich gelingt, beim Chef seiner Firma mit dem treffenden Namen Management die Arbeit im Homeoffice zu beantragen, ahnt er noch nicht, wie sehr sein neuer Arbeitsauftrag ihn an die Grenze der Belastbarkeit bringen wird. Er soll am geheimen Kernprojekt von Mancom arbeiten und das sogenannte Zero Theroem finden, eine Formel, die den mathematischen Beweis der Big-Crunch-Hypothese liefert, der Idee, dass das Universum am Ende in einem umgekehrten Urknall kollabiert, also vom Nichts ins Nichts führt – eine Vorstellung, die direkt in den Nihilismus mündet. Nichts fürchtet Qohen jedoch mehr als die Sinnlosigkeit, welche ihn in Gestalt eines Schwarzen Lochs bis in seine Träume verfolgt. Inmitten einer lauten und bunten Spaßgesellschaft, welche den Konsum von materiellen und immateriellen Gütern zum ultimativen Lebenssinn erklärt hat, bildet er die Antithese zum Zero Theroem, ist er doch zutiefst überzeugt, dass das Sein einen Sinn haben muss. Der Film spart auch nicht an religiösen Analogien, um Qohen als einen Mann des Glaubens zu markieren, der auf Erlösung wartet. Askese, Abgeschiedenheit und Selbstgeißelung bilden den Alltag des Eigenbrötlers. Die alte Kirche bildet ein fantastisches Kontrastmittel zu der grellen Cyberpunk-Kulisse, das alles sehende Auge Gottes wurde jedoch durch Überwachungskameras ersetzt. Die Welt, die Terry Gilliam hier zeichnet, ist ebenso bedrückend wie absurd, eine Welt, die ähnlich wie in Brazil gar nicht erst versucht, realistisch zu erscheinen, sondern auf die kritisch-ironische Reflexion der Gegenwart abzielt.

Gerade weil der Film aber nicht den Anspruch erhebt, eine tatsächlich mögliche Zukunft abzubilden, ist es umso erschreckender, wie er zwölf Jahre nach seiner Veröffentlichung sogar noch drastisch an Aktualität gewonnen hat. Nicht nur Qohens Arbeit im Homeoffice dürfte vielen Zuschauern unschöne Erinnerungen an die Covid-Pandemie wachrufen. The Zero Thereom ist ein Film über den Sinnverlust der Moderne und die Einsamkeit, die daraus resultiert. Die alten Glaubensgemeinschaften haben sich aufgelöst, Qohen ist der Letzte einer aussterbenden Art, der versäumt hat, sich anzupassen. Doch ist es kein Konservatismus, der ihn an der sozialen Welt nicht mehr teilhaben lässt, sondern vielmehr der Wegfall sozialer Strukturen in der kapitalistischen Gesellschaft, der Prozess der digitalen Vereinzelung und die Krise der Selbstverwirklichung, wie sie etwa der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt. Die Flucht vor der Einsamkeit führt Qohen schließlich in die Sphäre des Virtuellen – und in die Arme eines Callgirls. Gefühle werden in der virtuellen Raum verlagert und zur Ware. Die Ökonomisierung der Liebesbeziehungen – nachzulesen in den Arbeiten der Soziologin Eva Illouz – stellt für Qohen eine Überforderung dar. Seine Flucht in die virtuelle Idylle einer Erotik-Plattform, die entfernt an Onlyfans erinnert, für Qohen jedoch nicht zur sexuellen Triebbefriedigung dient, ist die Kapitulation vor der allgegenwärtigen Einsamkeit in der realen Welt. Seine innere Zerrissenheit findet sprachlich Ausdruck in dem Personalpronomen „wir“, das er konsequent statt des Singulars verwendet. Wo Gesellschaft im eigentlichen Sinne nicht mehr existiert, sondern in unzählige Individuen zerfallen ist, leistet Qohen sich selbst Gesellschaft.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist zweifellos so alt wie die Menschheit selbst, die Sinnkrise, die der Film beschreibt, ist jedoch historisch betrachtet ein sehr junges Phänomen. Einsamkeit ist (längst nicht nur bei alten Menschen und marginalisierten Gruppen) eine Volkskrankheit geworden, deren Ausmaße sich zur Gänze kaum absehen lassen. Dass Qohen intersektional gedacht weder der einen noch einer der anderen Gruppen angehört, ist keineswegs der Ignoranz des Regisseurs geschuldet, sondern nimmt vielmehr die Sinnkrise zunehmend jünger werdender Männer vorweg, denen ihre Rollenbilder abhanden gekommen sind und die sich vom Feminismus (ob berechtigt oder unberechtigt) im Stich gelassen fühlen, weil ihre Einsamkeit entweder nicht artikuliert werden kann oder kein Gehör findet. Überzeugend ist somit auch, dass Gilliam sich noch stärker als bei Brazil für eine sehr figurenzentrierte Erzählweise entscheidet, die sich für große gesellschaftliche Fragen nicht interessiert, weil diese längst nicht mehr zugänglich sind. Während der Feminismus das Private politisiert hat, werden hier keine politischen Zusammenhänge mehr erkannt, Qohens Einsamkeit bleibt ein trauriges Einzelschicksal, das er selbst verantworten muss.

In Brazil ging es dem Regisseur noch darum, in klassisch dystopischer Manier einen totalitären Kontrollstaat zu entwerfen, in welchem das Individuum bis zur Selbstaufgabe dem großen Ganzen unterworfen ist. 12 monkeys verlagerte das Szenario der totalen Geschlossenheit von einer räumlichen auf eine zeitliche Achse und verhandelte auf diese Weise einen „epistemischen Determinismus“, der jedoch auf einen Zirkelschluss hinausläuft, aus dem es für den Zeitreisenden ebenfalls kein Entkommen gibt. Nachdem sich Gilliam mit dem Sein und der Erkenntnis (also mit ontologischen und epistemologischen Problemen) in der Dystopie auseinandergesetzt hat, widmet er sich in The Zero Theorem schlussendlich der philosophisch lange vernachlässigten Kategorie der Emotion. Anstelle der Totalität des Kontrollstaates nach kommunistischem Vorbild (siehe Orwell) steht hier die Fragmentierung der Gesellschaft im Kapitalismus, die Dissoziation des eigentlich unteilbaren Individuums, das aus seinen sozialen Zusammenhängen gerissen und sich selbst überlassen wurde – und das macht The Zero Theorem bei aller Größe seiner Vorgänger zu Gilliams aktuellstem Film.

Hinterlasse einen Kommentar