Alles verkehrt bei Cyrano de Bergerac? ‚Die Reise zum Mond‛ (1657)

Die Phantastik, wie noch vor der Ausdifferenzierung in Science Fiction und Fantasy alles hieß, was als wunderbar und außergewöhnlich gelten konnte, ist seit jeher politisch. Es ließe sich behaupten, dass die Flucht in fiktionale Welten per se ein politischer Akt ist, gerade weil man sich der Konfrontation mit der Realität verweigert. Das Argument hinkt jedoch, stellt erstens jede Art von Lektüre (auch nicht-fiktionale) eine gewisse Form von Eskapismus dar. Zweitens muss die Zuwendung zur Phantastik keineswegs mit einer Abwendung von der Realität einhergehen. Oftmals ermöglicht gerade erst der Umweg über die Fiktion eine ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Themen der Gegenwart. Und manchmal ist Fiktion sogar die einzige Möglichkeit, sich einigermaßen gefahrlos mit Politik auseinanderzusetzen, wie etwa Beispiele aus der Sowjetunion (z.B. von den Strugatski-Brüdern oder Samjatin) zeigen.

Savinien Cyrano de Bergerac (nicht der aus dem Versdrama von Edmond Rostand, sondern der echte, der Rostand als Vorlage diente) wollte wohl auf Nummer sicher gehen und behielt seine kritische Raumfahrtgeschichte für sich. Sie wurde zwei Jahre nach Cyranos Tod von seinem Freund Henri Lebret publiziert. Dabei mag seine zweiteilige Reise zum Mond und zur Sonne (Originaltitel: Les États et Empires de la Lune und Les États et Empires du Soleil) für heutige Leser ziemlich harmlos wirken. Ohne fundierte Kenntnisse der politischen, philosophisch-theologischen und naturwissenschaftlichen Diskurse des mittleren 17. Jahrhunderts sind die zahlreichen Spitzen und intertextuellen Bemerkungen Cyranos heute kaum noch nachzuvollziehen. Er selbst jedenfalls war auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand seiner Zeit und – wenn man sich ein wenig Pathos gestatten möge – dieser sogar noch ein ganzes Stück voraus. Zumindest wusste der hochgebildete Satiriker, Frühaufklärer und Zeitgenosse Galileo Galileis sehr genau, was er sagen und was seinen Romanfiguren in den Mund legen durfte, ohne dafür belangt zu werden.

Seine Weltraumreise (eine der ersten in der Literatur) beginnt mit einem ärgerlichen Streit des Ich-Erzählers mit seinen ungebildeten Gesprächspartnern über die Form des Mondes. Als wissenschaftlich gebildeter Mann weiß er natürlich, dass der Mond kugelförmig ist wie die Erde. Das wusste zwar schon Aristoteles (ebenso wie die Gelehrten des Mittelalters, die sein Modell übernahmen), aber so ganz haben sich die grundlegenden Erkenntnisse der Physik wohl bis heute nicht herumgesprochen. Aber warum es mit der Wissenschaftskommunikation so genau nehmen, wenn man schon alle künstlerischen Freiheiten eines Novellisten hat? Mit nichts als einem Gürtel aus Fläschchen voller Morgentau lässt der Erzähler der Geschichte die unverbesserlichen Zweifler unter sich zurück und landet statt auf dem Mond erst einmal in Kanada. Schnell ist dieses Missgeschick aber behoben und er macht sich erneut auf ins All. Wer glaubt, ein schöneres Urlaubsziel als Kanada könne es ohnehin nicht geben, wird eines Besseren belehrt, denn auf dem Mond findet er nicht weniger als den biblischen Garten Eden und ein etwas seltsames Menschengeschlecht, das auf vier Beinen läuft, ansonsten aber für die Erdbewohner nichts als Verachtung übrig hat. Cyrano nutzt hier den Topos der verkehrten Welt, also in diesem Fall der des Mondes als einer spiegelbildlichen Antiwelt, die ihm eine indirekte Kritik an der Erdgesellschaft erlaubt, ohne sich als Autor dabei angreifbar zu machen.

Cyrano geht es dabei im Kern darum, die Utopie als rhetorische Strategie zu nutzen, um einen anderen Blickwinkel auf die Gesellschaft einzunehmen, der aufgrund mangelnder Distanz normalerweise verwehrt bliebe. Er begreift die Fiktion in erster Linie als (Un-)Möglichkeitsraum (eine Ambivalenz, die sich auch in der Genrebezeichnung der Utopie abbildet), der gleichzeitig möglich und unmöglich sein kann. Neben diesem für die Phantastik ganz grundlegenden Mechanismus betreibt er aber auch technische Extrapolation, wie sie eines Hard Science Fiction Novel würdig wäre: Die Mondbewohner haben bereits das Hörbuch erfunden und nutzen es zur persönlichen Weiterbildung während ihrer alltäglichen Beschäftigungen – eine Erfindung, die immerhin auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch als Science Fiction durchgegangen wäre.

Was Cyrano der späteren Science Fiction aber (bis auf einige Ausnahmen wie vielleicht Douglas Adams) voraus hat, ist sein bewundernswerter Unernst, der so gar nicht zu den politischen Unruhen seiner Zeit passen will. Während der Hitzkopf im echten Leben nie um ein Duell verlegen war, wenn mal wieder jemand eine unpassende Bemerkung über seine große Nase gemacht hatte, gilt eine ebensolche auf dem Mond selbstredend als Zeichen für einen besonders noblen Charakter. Seiner Selbstironie sowie der Bearbeitung durch Edmond Rostand verdankt Cyrano wohl auch seine nachträgliche literarische Adelung zum französischem Nationalhelden, als jemand, dessen unansehnliches Äußeres über den guten Kern hinwegtäuscht. Vielleicht sind die Mondbewohner in dieser Hinsicht den Menschen tatsächlich einen Schritt voraus…

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