Wenn es eine Sache gibt, die Zukunftsromane nicht tun, dann wohl die Zukunft vorherzusagen. Wo computergestützte Modulationen aufgrund der schlichten Menge an verfügbaren oder unverfügbaren Daten an ihre Grenzen stoßen, soll ein einzelner genialer Geist den Schleier des Zukünftigen lüften. Zugegeben, Octavia Estelle Butler hat, alarmiert vom politischen Klima der 1990er, ein wenig zu gut geraten. Ihr Zweiteiler Die Parabel vom Sämann (original: The Parable of the Sower) und Die Parabel der Talente (original: The Parable of the Talents), ursprünglich als Trilogie geplant, spielt in den Jahren zwischen 2024 und 2035 an der nordamerikanischen Westküste. Das Land ist von Dürren gebeutelt. Klimaflüchtlinge strömen aus dem Süden in Richtung Kanada. Der neu gewählte Präsident ist ein rechter Populist und christlicher Fanatiker, der den Kreuzrittern, einer christlich-fundamentalistischen Terrorgruppe, freie Hand lässt. Während große Konzerne ganze Städte besitzen und ihre Mitarbeiter in eine moderne Form der Sklaverei locken, erinnern die Umerziehungscamps der Kreuzritter, in die alle Ungläubigen gesteckt werden, an Konzentrationslager. Die Methoden sind die gleichen, nur die Technik hat sich weiterentwickelt. Dass der neu gewählte Präsident Ronald Reagans alten Slogan „Make America great again“ für seinen Wahlkampf benutzt, läuft im Jahr 2025 auf eine Pointe hinaus, die Butler nachträglich tatsächlich als unglückliche Prophetin erscheinen lässt.
Nicht nur dient Butler als frühes Vorbild für die Climate Fiction der 2000er-Jahre, zum Beispiel für Autoren wie Paolo Bacigalupi oder Kim Stanley Robinson, deren Romane ebenfalls an der Westküste angesiedelt sind. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung erlangt die schwarze Autorin aus Kalifornien auch nach ihrem Tod 2006 internationale Aufmerksamkeit. Rassismus und Sklaverei sind wiederkehrende, ja omnipräsente Themen bei Butler, etwa in Romanen wie Kindred (1979) oder der Patternist-Reihe (1976-84). Aber auch Feminismus und ökonomische Ungleichheit spielen in ihren Werken eine große Rolle, weshalb man Butler ohne Übertreibung als eine der ersten und wichtigsten intersektional denkenden SF-Autorinnen bezeichnen kann. Dabei hält sie dennoch an einer universalistischen, also allgemeingültigen Ethik fest, die der linken Identitätspolitik heute in Teilen abhanden gekommen ist (und in der rechten Identitätspolitik noch nie eine Rolle gespielt hat). Inmitten einer krisenhaften Welt siedelt sie eine (zugegebenermaßen räumlich sehr begrenzte) Utopie an, in der Menschen jedweder Herkunft zusammen leben können, ohne dabei jedoch die realen Unterschiede zwischen Geschlechtern oder etwa die Auswirkungen von internalisiertem Rassismus zu leugnen.
Die Utopie, an deren Ausgestaltung sie sich im zweiten Teil macht, existiert zunächst aber nur im Kopf der Protagonistin Lauren Olamina, ältestes Kind einer dörflichen Pastorenfamilie. Ihre Jugend zu Beginn der Romanhandlung merkt man ihr allerdings nicht an; Lauren ist eine seltsam alterslose Figur, die zwar nicht ohne Schwächen, wohl aber mit einer unwirklichen geistigen Reife und Menschenkenntnis ausgestattet ist. Zumindest für Letzteres hat der Roman eine Erklärung: das sogenannte Hyperempathiesyndrom, eine psychische Konstitution, die sie die Gefühle anderer Menschen unfreiwillig am eigenen Leib mitempfinden lässt. Komplementär dazu ist eine Droge im Umlauf, welche ihre Konsumenten zu Pyromanen macht. Hyperempathie und Pyrodroge sind bewusst als zwei gegensätzliche Extreme der menschlichen Psyche angelegt: Auf der einen Seite ein Übermaß an Empathie, welches das Individuum außer Gefecht setzen kann, auf der anderen Seite die völlige Betäubung des Mitgefühls und die (auch sexuelle) Fetischisierung von Gewalt.
Butler erzählt eine Geschichte, in der die ökonomischen und ökologischen Krisen die soziale Ungerechtigkeit noch verschärfen und in den Menschen sowohl die besten als auch die schlechtesten Charakterzüge hervorbringen. Weite Teile der Romanhandlung folgen einem episodischen Erzählmuster, wodurch sich aus einer Reihe scheinbar unbedeutender Einzelbegegnungen ein recht komplexes soziales Gefüge herausbildet. Als wollte sie ihre Leser gemahnen, wie auch ihre Figuren niemals unaufmerksam zu sein, wechseln Belanglosigkeiten und unvermutete Brüche einander ab; was über hunderte Seiten etabliert wurde, wird innerhalb weniger Sätze wieder eingerissen. Und so schafft es der Roman auf eindrückliche Weise zu illustrieren, dass sozialer Fortschritt niemals unumkehrbar ist, sondern ein Prozess, der aktive Mitarbeit erfordert, wie auch eine kontinuierliche Wachsamkeit gegenüber den destruktiven Kräften der Gesellschaft.
Octavia Estelle Butler (1993): Die Parabel vom Sämann (Originaltitel: The Parable of the Sower)[Roman]. USA.
→ Teil 2

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