Ist Religion die Wurzel allen Übels oder der Keim einer über sich hinauswachsenden Menschheit? In der Fortsetzung von Die Parabel vom Sämann nimmt sich Octavia Estelle Butler Zeit, umzusetzen, was zuvor nur in den Gedanken der Protagonistin Lauren Olamina existiert hat: Earthseed. Der erste Band war von der Spannung zwischen Laurens Hyperempathiesyndrom und der Pyrodroge geprägt oder plakativ gesprochen zwischen den konstruktiven und den destruktiven Kräften der Gesellschaft. Während im zweiten Teil das Motiv der Pyrodroge verloren geht und die Pyromanen durch Kreuzritter ersetzt werden, spielt Laurens Hyperempathie nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie verleiht ihr zwar eine hohe soziale Intelligenz, macht sie damit allerdings auch zu einer hochgradig manipulativen Person. Am deutlichsten wird das bei den Missionierungsversuchen ihrer Mitmenschen, als Lauren beginnt, ihre eigene Religion aufzubauen. Earthseed soll den gemeinschaftsstiftenden Charakter der großen Religionen übernehmen, ohne jedoch deren Fehler zu wiederholen. Als synkretistische Religion bleibt Earthseed aber über weite Teile der Romanhandlung hinweg kaum mehr als ein Bündel zusammengeklaubter Glaubenssätze – „universalen Wahrheiten“ nach Laurens Ansicht – die jedoch immerhin jederzeit hinterfragbar bleiben. Aufbauend auf der heraklitischen Erkenntnis, dass alles sich verändert, mutet Earthseed zunächst eher philosophisch als religiös an, auch weil Lauren sich bewusst gegen die Mystifizierung ihrer Lehren und Person wehrt. Jeder Vers ihrer Lehre wird in kritischen Diskussionen auf die Probe gestellt, unterzieht sich fast schon wissenschaftlichen Methoden, wenn auch die Entscheidung, die Erkenntnisse schließlich in Form einer heiligen Buchs zu fixieren, einen inneren Widerspruch gegen das Dogma des ewigen Wandels provoziert.
Lauren geht es dabei aber nicht um spirituelle Erfüllung oder Erkenntnis. Ihre Religion erfüllt in erster Linie eine soziale Funktion, basierend auf der Überlegung, dass Religionen notwendig seien, um Gemeinschaften zusammenzuhalten. Gerade wenn durch die Diversität einer Gemeinschaft zahlreiche (z.B. ethnisch motivierte) Konflikte zu erwarten sind, ist ein geteilter ideologischer Überbau unumgänglich. Eine These, wie sie zum Beispiel auch der Soziologe Hartmut Rosa vertritt, der in der Säkularisierung, also dem Bedeutungsverlust der großen Religionen, vor allem einen Sinnverlust westlicher Gesellschaften sieht, wie ihn auch schon Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert diagnostiziert hat. Die Gemeinschaft soll ein Ziel einen, das im Falle Earthseeds trotz aller religiösen Semantik überraschend profan ausfällt: die Kolonisation des Weltalls. Werden zu Beginn der Geschichte noch die teuren Marsmissionen der Regierung als reinste Geldverschwendung verurteilt, so kann sich Lauren doch der Faszination, die das Weltall auslöst, nicht erwehren. Der Widerspruch wird nicht weiter aufgelöst und Laurens Kritik später von ihrer Tochter wiederholt, diesmal gegen die eigene Mutter. Nicht nur übernimmt Lauren bei aller Kolonialismuskritik selbst koloniale Wachstums- und Missionierungslogik in ihre Religion, sondern häuft als Sektenführerin auch beträchtliche Reichtümer an. Die Parabel der Talente folgt dabei einer interessanten narrativen Strategie, indem die Kritik an Lauren ihrer Tochter in den Mund gelegt wird, welche bei christlichen Pflegeeltern aufgewachsen ist und mit deren Ideologie indoktriniert wurde. Wie auch Lauren selbst ist die Tochterfigur durchaus ambivalent angelegt und ihre Kritik nicht unberechtigt, weshalb es als Leser schwer fällt, ein eindeutiges Urteil zu fällen. Behält am Ende doch Laurens atheistischer Gatte Bankole Recht, wenn er sowohl dem Christentum als auch der Earthseed-Sekte mit Zweifeln begegnet und dem Utopismus der Gläubigen mit dem Pragmatismus eines Arztes entgegentritt? Für Bankole jedenfalls haben Laurens Entscheidungen weitreichende Folgen.
Die Frage nach dem utopischen Potenzial der Earthseed-Gemeinde ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits entsteht in dem Dörfchen Acorn tatsächlich so etwas wie eine Sozialutopie im Kleinen, die in den 1990ern vor dem Hintergrund der kaum überwunden Sklaverei noch bedeutend progressiver wirken musste. Die Gemeinschaft ist friedlich, kooperativ, ökologisch und basisdemokratisch organisiert. Andererseits bleibt Acorn nicht mehr als ein Dorf wie aus der vorindustriellen Zeit, bis es von den brutalen Verhältnissen der Gegenwart eingeholt wird. Der ökologische Suffizienzgedanke der Gemeinde steht im krassen Widerspruch zum Technikutopismus ihrer Religion.
Alles in allem bleiben Butlers beiden Parabeln uneindeutig, so wie auch die Lektüre durch die explizite Darstellung ausgesuchter Grausamkeiten über hunderte Seiten wenig Vergnügen bereitet. Die Parabel der Talente folgt einem sehr ähnlichen (um nicht zu sagen: identischen) Erzählschema wie der erste Band, überrascht aber nach einem sehr langsamen Pacing mit einem unvermutet dichten Epilog, in welchem der niemals realisierte dritte Band anklingt. Und so ist Earthseed letzten Endes eine weitere nicht realisierte Utopie, die auszumalen der Fantasie der Leser überlassen bleibt.
Octavia Estelle Butler (1998): Die Parabel der Talente (Originaltitel: The Parable of the Talents)[Roman]. USA.

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