Karin Maria Boye und das Wesen des Autoritären: ‚Kallocain‛ (1940)

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Eine Frage, die sich die Deutschen im bekannten Volkslied bereits seit dem 18. Jahrhundert stellen und mit der sie auch einige Erfahrung haben. Im 20. Jahrhundert, zur Zeit der großen Ideologien, wird diese Frage relevanter denn je. Der Roman Kallocain aber stammt aus Schweden und lässt sich, so deutlich die Bezüge zur Sowjetunion und Nazideutschland auch sind, als zeitloser Kommentar zum Autoritären an sich lesen. Zeitlich genau in der Mitte zwischen den beiden einflussreichen Dystopien Brave New World und 1984 entstanden, überzeugt Kallocain weniger mit einem komplexen Weltentwurf als mit einer einzelnen radikalen Idee, dem „Novum“, um einen zentralen Begriff aus der SF-Forschung zu verwenden. Kallocain ist ein Thesenroman, wie übrigens viele Werke der Science Fiction, und gerade weil er sich nicht groß mit der Frage beschäftigen muss, wie denn nun DIE Zukunft aussehen wird – eine für die Literatur ohnehin ziemlich langweilige Frage –, kann er sich ganz auf einen einzelnen Aspekt konzentrieren.

Im 21. Jahrhundert ringen zwei Supermächte, der Weltstaat und der Universalstaat miteinander, im ewigen Widerspruch, einerseits der jeweils einzige Staat auf Erden sein zu wollen und andererseits durch die gegenseitige Feindschaft ideologisch stabilisiert zu werden, denn jede große Ideologie braucht eine Gegenideologie, von der sie sich abgrenzen kann. Mittendrin der Chemiker Leo Kall, ein treuer Anhänger des Weltstaats, ein Konformist sondergleichen, der eine unerhörte Erfindung gemacht hat: ein Wahrheitsserum, das den Probanden jeden staatsfeindlichen Gedanken entlockt. Autoritäre Regime gab es in der Geschichte viele und jedes war bemüht, Kontrolle über die Handlungen seiner Bürger auszuüben. In der konsequenten Zuspitzung dieser Kontrollfantasien wird der Gedanke jedoch selbst zur Handlung, nicht nur in dem Sinne, dass er staatsgefährdenden Handlungen vorausgeht, sondern bereits in seiner unschuldigen Existenz. Damit strebt das autoritäre System immer nach der Kontrolle einer Handlung, die oft unterbewusst, unwillkürlich, reflexhaft und damit ihrerseits der Kontrolle der Handelnden entzogen ist. Orwell hat diese Möglichkeit in 1984 angelegt, indem er darin Kinder ihre Eltern denunzieren lässt, weil sie im Schlaf gesprochen haben. Boye hat eine konsequentere Metapher gefunden. Anders als autoritäre Systeme früherer Epochen, die zwar ideologisch unterfüttert waren, an ihrer Gewalthaftigkeit aber keinen Zweifel aufkommen ließen, stützen sich die Regime des 20. Jahrhunderts – die Sowjetunion, das Dritte Reich und später die USA und China auf Ideologien, die für Zweifel und Kritik keinen Raum mehr lassen. Der widerständige Gedanke wird zum eigenständigen Verbrechen.

Ein Fehler wäre es deshalb, Kallocain vollständig auf ein konkretes historisches System übertragen zu wollen, sei es der Stalinismus der Sowjetunion oder der Nationalsozialismus in Deutschland. Gerade in seiner Schablonenhaftigkeit verliert der Roman auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Aktualität, denn er führt im Großen wie im Kleinen vor Augen, wie autoritäre Systeme funktionieren: einerseits der Wunsch nach der vollständigen Vernichtung aller abweichenden Meinungen und andererseits die Notwendigkeit eines Feindbilds innen wie außen. Mit diesem Widerspruch sieht sich schließlich auch Leo Kall konfrontiert, der in der Überzeugung, den Weltstaat von zersetzenden Gedanken zu säubern, bald feststellen muss, dass niemand von diesen Gedanken frei ist, nicht einmal er selbst. Für welchen der beiden einzigen Staaten er arbeitet, spielt dann in letzter Konsequenz auch gar keine Rolle mehr. Während der Funktionär über weite Teile der Handlung hinweg auf kritisches Denken vollständig verzichtet, sehen sich die Leser gezwungen, die doppelte Arbeit zu übernehmen.

Für die homosexuelle Autorin, die sich noch dazu eingehend der Psychoanalyse unterzog – für psychoanalytische Lesarten bietet sich der Text gut an –, war die (Un-)Heimlichkeit des Unterbewussten existenziell. Zwar war weibliche Homosexualität im Schweden der 1930er-Jahre nicht explizit strafbar, galt aber dennoch als psychische Störung. Ohne den Text biografischer lesen zu wollen als notwendig, bekommt der Roman, der sicherlich kein dezidiert feministischer ist, damit eine zusätzliche Bedeutungsebene. Schließlich waren auch die großen autoritären Systeme patriarchal und sind es immer noch (was allerdings im Umkehrschluss nicht heißt, dass matriarchale Systeme deshalb antiautoritär wären). Karin Boye nahm sich nur ein Jahr nach der Veröffentlichung von Kallocain mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Zumindest ihre Texte sind der Nachwelt dankenswerterweise erhalten geblieben und werden im Zeitalter der globalen Überwachung vielleicht wichtiger denn je. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Karin Maria Boye (1940): Kallocain [Roman]. Schweden.

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