Der Anti-Ödipus – ‚Minority Report‛ (2002) von Steven Spielberg

Welche Verantwortung bringt Zukunftswissen mit sich? Und ist Zukunftswissen nicht bereits ein Widerspruch in sich? Diesen Fragen geht Steven Spielberg in der Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Philip K. Dick (1956) nach. Und kommt dabei zu einem sehr intuitiven – vielleicht zu intuitiven – Schluss. In meiner Kritik zu Terry Gilliams 12 monkeys habe ich auf die Ähnlichkeit zur antiken Tragödie von Sophokles‘ König Ödipus hingewiesen, ein Film, der deutlich macht, wie schwer es ist, Kausalitäten zu erkennen. Sowohl Gilliams als auch Spielbergs Film handeln von Paradoxien der Prävention (der Vermeidung möglicher Gefahren) bzw. der Präemption (der Verhinderung unmittelbar bevorstehender Gefahren), zwei Begriffe, die sich nicht klar voneinander abgrenzen lassen. In 12 monkeys soll durch Zeitreisen in die Vergangenheit eine bereits ausgebrochene Seuche gestoppt werden; in Minority Report geht es darum, einen Mord zu verhindern, der noch in der Zukunft liegt. Beide Filme gehen äußerst ambitioniert mit der Thematik um, jedoch auf ganz unterschiedliche Weise.

Washington D. C. im Jahr 2054. John Anderton, gespielt von Tom Cruise, arbeitet bei der Polizei in der Abteilung Precrime – ein Programm zur Ermittlung zukünftiger Verbrechen, das in der Stadt seit sechs Jahren in der Testphase läuft und aufgrund seiner Erfolge bald im ganzen Land eingeführt werden soll. Keine allwissende Computermodulation ist es jedoch, die den Schleier der Zukunft lüftet, sondern drei sogenannte „Precognitives“ (kurz: Precogs), die unter dem Einfluss von Medikamenten in einem Pool vor sich hin dösen. Die Traumvisionen der Precogs wiederum können in Videomaterial übersetzt und von Spezialisten ausgewertet werden. Anderton ist einer dieser Spezialisten, darauf trainiert, aus den wirren und überbelichteten Videoschnipseln sowohl den Tatort als auch den Tathergang zu ermitteln. Der Name des zukünftigen Täters wird den Polizisten eingraviert auf einer Holzkugel mitgeteilt. Precrime scheint fehlerlos; einzig auf die Schnelligkeit und Kombinationsfähigkeit der Ermittler kommt es an, um rechtzeitig am Tatort zu sein und das Verbrechen zu verhindern, oft bevor die Mörder selbst wissen, dass sie jemanden ermorden werden. Andertons Weltbild gerät jedoch ins Wanken, als er eines Tages seinen eigenen Namen auf der Kugel findet. In 36 Stunden, so die Vision der Precogs, wird er den ihm völlig unbekannten Leo Crow ermorden. Ist das System fehlerhaft oder wird Anderton ganz wie der tragische Ödipus zum Mörder werden, die Katastrophe gar erst herbeiführen, indem er sie zu verhindern sucht?

So viel lässt sich verraten: Leo Crow wird sterben. Spannend ist nicht sein Tod, sondern die Umstände, die dazu führen. Denn während es zunächst tatsächlich den Anschein hat, dass Anderton einem unausweichlichen Schicksal entgegensteuert, so erfährt das Publikum von der Erfinderin von Precrime Iris Hineman, dass auch die Precogs sich irren können, nämlich immer dann, wenn Unstimmigkeiten zu sogenannten Minority Reports führen. Nur die Crux an der Sache ist, dass die Precogs sich im Falle Anderton gerade nicht irren. Der Film zeigt hier ganz ähnlich wie 12 monkeys ein epistemologisches Problem, nämlich das Problem der medialen Vermittlung (bzw. Vermitteltheit) von Zukunftswissen. Zwar ist das Wissen der Precogs nicht falsch, doch fragmentarisch und dekontextualisiert, die einzelnen Informationen müssen zuerst von Experten interpretiert werden. Sehen, so die These, ist nicht gleichbedeutend mit Erkennen, da die Umstände, die zu bestimmten Ereignissen führen, oft nicht beleuchtet werden. So sind auch Sehen, Übersehen, Blindheit und Gesehenwerden Motive, die in Form von Augen, Iris-Scans und Überwachungskameras im Film omnipräsent sind. Von leisen Anspielungen wie dem sprechenden Namen Iris Hineman zu drastischen Szenen beim Augenarzt (bitte nicht zuhause nachmachen!) verweist alles auf das vertrackte Verhältnis zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis.

Auf der anderen Seite stellt der Film hier dem fatalen Determinismus von Ödipus die Vorstellung einer bedingten Zukunft gegenüber, in welcher der Einzelne sehr wohl (im Rahmen der eigenen Möglichkeiten) auf den Lauf der Dinge Einfluss nehmen kann. Aus dem linearen antiken Einbahnsystem wird hier ein Zukunftsbild, das von Wahrscheinlichkeitspfaden bestimmt ist. Zukunftswissen wird damit nicht delegitimiert, sondern lediglich relativiert – über Zukunft zu sprechen, heißt zu sagen, dass bestimmte Ereignisse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu anderen Ereignissen führen werden. Und gerade hier macht es sich Minority Report am Ende dann vielleicht zu einfach: Denn bei aller Problematik, die auch die an Precrime gebundene präemptive Rechtsprechung (also das Schuldigsprechen von Menschen, die (noch) kein Verbrechen begangen haben) durchzieht, lässt sich doch nicht leugnen, dass innerhalb der Fiktion des Films Precrime relativ verlässliches Zukunftswissen bereitstellt, zwar kein absolutes, aber ein probabilistisches Wissen. Und wer um die wahrscheinliche Katastrophe weiß, kann sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Precrime exemplifiziert hier das altbekannten Trolleyproblem, das philosophische Dilemma, zwischen verschiedenen Ethiksystemen einem Handlungszwang ausgesetzt zu sein. Wer sich dafür entscheidet, nicht in den Lauf der Dinge einzugreifen, trifft dennoch eine Entscheidung, die fatale Konsequenzen haben kann. Der Film, der an allen Ecken und Enden auf das Motiv des Sehens verweist, verschließt am Ende selbst die Augen vor der Zukunft zugunsten des liberalen Ideals vom selbstbestimmten Bürger. Während SF-Geschichten wie etwa Frank Herberts Dune-Reihe die ganze Tragik des Zukunftswissens, der bedingten Zukünfte und der Dilemmata zwischen konsequentialistischen und deontologischen Ethiken ausmalen, hat sich Spielberg (übrigens im Gegensatz zur Vorlage von Philip K. Dick) für ein Ende entschieden, das vielleicht ein zu großes Zugeständnis an das westliche Kinopublikum macht.


Steven Spielberg (2002): Minority Report [Film]. USA.

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