Antispeziesismus mit Becky Chambers‘ ‚Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten‛ (2014)

Dieser Roman setzt Prioritäten! Wenn es eine Sache gibt, die feministische Science Fiction interessanter macht als den von Männern dominierten Rest, dann sind es nicht weibliche Hauptfiguren oder die Schilderung patriarchaler Gewalt – eine tiefer gehende feministische Kritik setzt bereits an den Grundstrukturen der Narration, den Narrativen, an und setzt sich gegebenenfalls darüber hinweg (vgl. hierzu meine Kritik zu Joanna Russ). Becky Chambers‘ Roman Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, erster Teil der recht lose zusammenhängenden Wayfarer-Reihe, beginnt mit einem typischen Hard Science Fiction-Setting: Die Crew des Raumschiffs Wayfarer bekommt den Auftrag, ein Wurmloch in eine weit entfernte Galaxie zu bohren, welche ausgerechnet von einer sehr kriegerischen Spezies bewohnt ist. Genug Potenzial für ein Weltraumabenteuer nach altbewährtem Schema. Doch interessiert sich der Roman in Folge recht wenig für die eigene Geschichte. Und wer hat schon festgelegt, dass Wurmlöcher, astropolitische Intrigen und Weltraumschlachten überhaupt der Rede wert seien? Während konventionelle Science Fiction (angefangen bei den frühen Fortsetzungsromanen der Pulp Magazines) sich häufig für das Leben im Weltraum interessierte, verschiebt Becky Chambers den Fokus zum Leben im Weltraum, beziehungsweise von Hard zu Soft Science Fiction. Wie sähe so ein Leben aus, eingepfercht in einem Raumschiff, fernab vom eigenen Heimatplaneten, auf engstem Raum mit einer Crew, die sich aus vier verschiedenen humanoiden Spezies (und einer KI) zusammensetzt? Wie gestaltet sich der Alltag, wie die Beziehungen zwischen den Crewmitgliedern?

Ganz in der Tradition der Star Trek-Serie ist auch auch die Wayfarer eine Utopie en miniature, ein eng begrenzter Ort in der Weite des Kosmos, keine makellose Utopie jedoch, sondern eine gelebte mit Ecken und Kanten. Die Menschheit hat einen ethischen Sprung nach vorne gemacht, Sexismus, Rassismus und viele andere Diskriminierungsformen gehören der Vergangenheit an, auch Kriege werden kaum mehr geführt. Unter der Herrschaft der Galactic Commons haben sich verschiedene intelligente Spezies miteinander arrangiert. Gleichwohl ist das Leben in einem Raumschiff wie der Wayfarer kein paradiesisches, sondern von Entbehrungen, lebensgefährlichen Arbeiten und Konflikten innerhalb und außerhalb gezeichnet. Wo unterschiedliche intelligente Spezies miteinander kooperieren müssen, kommt es unweigerlich zu Reibungen und Missverständnissen. Der Rassismus der Zukunft heißt somit konsequenterweise Speziesismus und gilt in den Galactic Commons zwar ebenfalls offiziell als geächtet, aber Konflikte verschiedener Art stellen diese moralischen Ambitionen immer wieder vor neue Herausforderungen.

Dystopische Literatur arbeitet häufig mit Verfremdungseffekten, um das einstmals Vertraute in einem anderen Licht erscheinen und damit im wahrsten Sinne des Wortes „unheimlich“ werden zu lassen. In diesem Roman ist es genau umgekehrt: Das gänzlich Fremde, Außerirdische, Unmenschliche wird vertraut, wozu auch die sehr figurenzentrierte Erzählweise beiträgt. Zwar sind auch die anderen intelligenten Spezies, die reptilienhaften Aandrisk oder die yetiartigen Sianat zum Beispiel, in ihren Grundzügen humanoid, unterscheiden sich aber in sozialer Hinsicht enorm voneinander. Dass kulturelle (und in diesem Fall sogar biologische) Andersartigkeit aber nicht notwendigerweise soziale Beziehungen zwischen den Spezies verunmöglicht, illustriert der Roman in zahlreichen mitunter herzergreifenden Episoden. Selbst einer künstlichen Intelligenz, die aber genau wie alle anderen auf einen jahrelangen Sozialisations- und Individuationsprozess zurückblicken kann, wird eine Liebesbeziehung eingeräumt, die weit weniger fatalistisch und technophob ausfällt als in anderen SF-Geschichten.

Weder Liebesbeziehungen noch persönliche Freund- und Feindschaften, die sich im Laufe des Romans herausbilden, stehen aber im Widerspruch zur Crew als ganzer, die hier gleichermaßen Arbeits- wie Lebensgemeinschaft ist. Die Crew der Wayfarer ist, es lässt sich nicht anders sagen, eine Familie, allerdings eine, die sämtliche traditionelle Familienkonzepte über Bord wirft und sich weder um Blutsverwandtschaft noch um romantisch-heteronormative Ideale schert. Konzepte wie Freundschaft, Liebe und Familie verschmelzen hier in einer Weise, wie sie einerseits in ökokritischen Ansätzen wie etwa bei Donna Haraways geflügeltem Begriff des kin making („sich verwandt machen“) und andererseits in queerfeministischen Diskursen anklingt. Am deutlichsten zeigt sich diese Verschmelzung und Dekonstruktion verschiedener menschlicher Beziehungskonzepte an einer Episode auf dem Heimatplaneten der Pilotin Sissix, welche die anderen Crewmitglieder in das (für sie) komplizierte Familiengefüge der Aandrisk einführt.

Marxistische Lesarten, das sei nur am Rande angemerkt, könnten hinter der Wahlverwandtschaft der Wayfarer-Crew ein hierarchisches Lohnarbeitsverhältnis entdecken, das weitaus funktionalistischer ist, als es der Text vordergründig suggeriert. Wenn der Arbeitsplatz gleichzeitig auch das Zuhause ist und die Arbeitskollegen die Familie, dann ist die Utopie am Ende vielleicht doch nur ein für interne Ungleichheit besonders sensibles Start-up-Unternehmen. Für eine tiefer gehende Analyse fehlt hier leider der Platz. Allein aber als Gedankenexperiment, das unsere Konzepte vom menschlichen Zusammenleben herausfordert, ist Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten eine echte Bereicherung.

Becky Chambers (2014): Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (Originaltitel: The long way to a small angry planet) [Roman]. USA.

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