Nach The Life of Chuck ist nun eine weitere Stephen King-Verfilmung in die Kinos gekommen, aber das gerade zur rechten Zeit. Denn obwohl Kings Roman Todesmarsch schon 1979 erschienen ist, damals unter dem Einfluss des Vietnamkrieges, ist sein Thema gerade für das europäische Publikum nicht immer noch, sondern schon wieder aktuell. Der Regisseur Francis Lawrence ist unter anderem für die Adaption der Hunger Games-Reihe von Suzanne Collins bekannt, daher verwundert es nicht, dass gerade er nun eine Geschichte auf die Leinwand bringt, die den Hunger Games einiges vorwegnimmt.
Das Szenario bleibt im Gegensatz zu dem ausgefeilten Worldbuilding von Panem allerdings sehr vage: Die USA in einer nicht näher bestimmten Zukunft, die allerdings genauso gut noch im 20. Jahrhundert liegen könnte. Das ohnehin nicht gerade für seine progressiven Tendenzen bekannte US-amerikanische Politsystem hat eine autoritäre Wende erfahren, ein Krieg wurde verloren, die Wirtschaft ist am Boden. Wie genau das politische System in dieser Dystopie aussieht und in welchem Verhältnis es zur restlichen Welt steht, darüber schweigt der Film sich aus und verwehrt sich damit leider auch einer tieferen politischen Perspektive. Stattdessen erfährt man alles, was es zu wissen gibt, aus den Dialogen der Figuren, und das ist nicht gerade viel. Um, wie es heißt, die amerikanische Bevölkerung zu „inspirieren“, den Nationalgeist zu stärken oder nach dem römischen Motto Brot und Spiele von ihrem Elend abzulenken, wurde ein alljährlicher Wettkampf ausgerufen. 50 junge Männer (in der Buchvorlage 100) aus allen Vereinigten Staaten treten in einem Todesmarsch gegeneinander an, den nur ein Einziger gewinnen kann. Der Marsch kennt keine Pausen; wer sich ausruht oder zurückfällt, wird erschossen. Er kennt bezeichnenderweise auch kein Ziel, denn erst, wenn alle Kandidaten bis auf einer aus dem Leben geschieden sind, ist er vorbei. Dem Sieger winken Ruhm, unermessliche Reichtümer und die Erfüllung eines einzigen Wunsches – für viele Grund genug, sich freiwillig für den Marsch zu melden.
Der Umstand der Freiwilligkeit, der The long walk wiederum von den Hunger Games unterscheidet, macht das Szenario etwas unglaubwürdig, denn auch wenn Verarmung und Perspektivlosigkeit verzweifelte Maßnahmen nach sich ziehen, ist der Todesmarsch mit einer ein- bzw. zweiprozentigen Überlebenschance, körperlichen Qualen und dem Verlust jeglicher Würde wohl kaum der (wie es suggeriert wird) einzige Weg aus dem Elend. Aber man sollte nicht den Fehler machen, The long walk als eine realistische Dystopie zu sehen, sondern als eine Metapher, welche auf die Gegenwart abzielt. Es trifft sich, dass im Jahre 2025 ganz ähnliche militärische Debatten geführt werden wie zur Entstehungszeit des Romans. Wieder droht die Spannung zwischen den Supermächten einen neuerlichen Weltkrieg zu entzünden, wieder werden Fragen nach der nationalen Sicherheit in ein Wettrüsten überführt. Wenn aber die Verteidigungsfähigkeit der Nation (egal welcher) beschworen wird, dann müssen auch willige Menschen her, die für den Staat ihren Kopf hinhalten. Auch in den Wehrdienstdebatten, die gerade in Deutschland nach einer längeren Zeit des Friedens geführt werden, spielt Freiwilligkeit eine Rolle, wobei Befürworter einer neuerlichen Wehrpflicht in der Entscheidungsfreiheit der Bürger eher ein Hindernis sehen und Kritiker befürchten, der Staat würde sie im Ernstfall ohnehin an die Waffe zwingen.
Übertragen auf das Thema Wehrpflicht, welche übrigens sowohl in Deutschland als auch in Österreich nur junge Männer betrifft, exemplifiziert The long walk eindrucksvoll, wie der männliche Körper im Patriarchat zur Verfügungsmasse des Staats wird. Feministische Theoretikerinnen haben in der Vergangenheit ausführlich untersucht, wie der weibliche Körper im Patriarchat tabuisiert, gebrandmarkt, sexualisiert, objektifiziert und ausgebeutet worden ist und immer noch wird (von Simone de Beauvoir über Julia Kristeva bis zu Judith Butler etc.). Dass die Ausbeuter keineswegs nur gewalttätige, männliche Individuen sind, sondern hinter der Unterdrückung von Frauen auch eine systemische Gewalt steht, wie sie etwa in biopolitischen Maßnahmen zum Ausdruck kommt, wurde ebenfalls vielfach analysiert (z.B. Sandra Bartky oder Susan Bordo).
So wurde auch der lange Ausschluss von Frauen aus dem Militär mit deren Pflichten im Haushalt begründet und der Notwendigkeit, neue Kinder für den Staat zu gebären. Der liberale Feminismus hat Frauen das Recht erkämpft, sich teilweise von dieser Rolle zu lösen, sowie das zweifelhafte Glück, an der Seite der Männer im Militär zu dienen, wobei die Wehrpflicht im Zweifelsfall doch nur bei Männern greift – ausgerechnet bei einer überlebenswichtigen Entscheidung schützt die patriarchale Gewalt diejenigen, die sonst am meisten unter ihr zu leiden haben.
Der männliche Körper wiederum, der durch seine Privilegien in Friedenszeiten weitestgehend vor Misshandlung geschützt ist, wird im Krieg zum Rohstoff, über den der Staat frei verfügen kann (vgl. hierzu etwa Judith Butlers spätere Arbeiten). Da es genügend perspektivlose junge Männer gibt, die einen Weg aus der Armut suchen, braucht es nicht einmal immer direkten Zwang, um die Reihen der Rekruten zu füllen. Hier zeigt sich doch wieder das Prinzip der Mehrfachdiskriminierung, da sich ein großer Teil der Rekruten aus armen und migrantisierten Gruppen speist. Was im Film durch die Überspitzung unglaubwürdig erscheint, ist in der Realität keine Seltenheit. Drill, Überwachung, Züchtigung und Schlafentzug (auch eine beliebte Foltermethode) formen und disziplinieren den männlichen Körper. Schwäche und Nächstenliebe werden bestraft. Die totale Herrschaft über den Körper kommt im Film wie in Stephen Kings gewohnt sehr haptischen Erzählen in den Körperausscheidungen der Männer zum Ausdruck, da ihnen während der fünftägigen Wanderung weder Ruhe noch Privatsphäre zugestanden und somit vor einem gaffenden Publikum alle Würde geraubt wird.
Der Film erlaubt sich in seiner sehr reduzierten Erzählweise damit, jenen Aspekt der Kontrolle des Staates über seine Bürger hervorzuheben, den Michel Foucault in Der Wille zum Wissen in Abgrenzung zum Begriff der Biopolitik als anatomische Politik bezeichnet hat, die also nicht die Population als ganze betrifft, sondern auf die Disziplinierung des einzelnen Körpers abzielt. Dass der dystopische Staat ein autoritärer ist, spiegelt sich in der Drastik seiner Disziplinierungsmaßnahmen wider, andererseits würde eine anarchistische Kritik Staaten per se als autoritär einstufen.
Ist The long walk damit ein antimilitaristischer oder gar feministischer Film? In aller Klarheit wird sich diese Frage nicht beantworten lassen, denn auch wenn das Ende eindrucksvoll zeigt, wie sich Gewalt immer weiter reproduziert, kommt der Film doch um einen gewissen Voyeurismus nicht herum, der sich gerade auf den als Deuteragonist glänzenden David Jonsson richtet. Während in einem Spiel, das ganz auf Konkurrenz ausgelegt ist, das kooperative Verhalten der Hauptfiguren zunächst einen utopischen Gegenentwurf andeutet, so klingt darin doch auch wieder das bellizistische Ideal männlicher Kameradschaft an, das an dieser Stelle nicht dekonstruiert, sondern glorifiziert wird. Des Weiteren fehlt im Film fast vollständig eine Perspektive auf möglichen Widerstand gegen das System, ihrem gemeinsamen Feind. Bis auf einen selbstmörderischen Versuch des indigenen Collie Parker führt die Kameradschaft nicht zu einem Bündnis und verbleibt damit in der Sphäre des Unpolitischen. Vielleicht lässt der Film gerade deshalb sein Publikum nicht empört, sondern gelähmt zurück.
Francis Lawrence (2025): The long walk [Spielfilm]. USA.

Hinterlasse einen Kommentar