Kolonialismuskritik mit H. P. Lovecraft?! ‚In den Mauern von Eryx‛ (1936)

Wer sich im 21. Jahrhundert noch mit Texten von Howard Phillips Lovecraft vergnügt (und Gründe dafür gibt es genügend), kommt dabei nicht umhin, sich auch kritisch mit dem ihnen inhärenten Rassismus auseinandersetzen zu müssen. Dabei ist weniger die politische Haltung des Autors zu problematisieren, der nach heutigen Maßstäben als White Supremacist der schlimmsten Sorte gelten müsste. Eine derartige Verwechslung von Autor und Werk ist kaum zielführend. Allerdings ist auch Lovecrafts Werk derart von Rassismus durchdrungen, dass man es kaum ignorieren kann. Nicht nur irritieren einzelne Passagen – zu denken sei etwa an die degenerierten Fischmenschen aus der Erzählung Schatten über Innsmouth (1931/36) –; vielmehr ziehen sich Xenophobie und kulturelle Verfallsnarrative durch nahezu alle seiner Texte. Die Kurzgeschichte In den Mauern von Eryx, die Lovecraft 1936 zusammen mit Kenneth J. Stirling geschrieben und drei Jahre später veröffentlicht hat, bildet jedoch in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme.

Ungewöhnlich ist schon das Setting: Wir befinden uns auf dem Planeten Venus, welcher (nach dem Stand der damaligen Wissenschaft) von feuchten tropischen Urwäldern überzogen ist. Die Menschheit betreibt Raumfahrt im großen Stil und durchforstet das Sonnensystem nach Rohstoffen. Vor allem ein besonderer Kristall hat es den Kolonisatoren angetan, denn schon in geringen Mengen davon schlummert eine beträchtliche Menge Energie. Gut für sie, dass es auf der Venus große Vorkommen dieses seltenen Gesteins gibt, schlecht, dass die Venus bereits von intelligenten Lebewesen bewohnt ist. Diese „Echsenmenschen“ werden vom Erzähler, dem Prospektor Kenton J. Stanfield (wahrscheinlich eine namentliche Anspielung auf den Co-Autor), als ausnahmslos primitiv geschildert, stellen sich aber im Laufe der Geschichte als mutmaßlich intelligenter als die Erdbewohner heraus. Nicht nur verfügen auch sie über eine Gebärdensprache, die (ganz in Lovecraftscher Manier) über Tentakel kommuniziert wird, sondern offenbar sind sie auch geschickte Baumeister, wenngleich ihre Waffentechnologie jener der Menschen weit unterlegen ist.

Auf einer Erkundungsmission durch den Dschungel bekommt Stanfield eine Kostprobe von ihrer Baukunst. Auf einem Hochplateau verirrt er sich in einem unsichtbaren Bauwerk, dessen Wände so geschickt angeordnet sind, dass man leicht hinein, fast unmöglich aber wieder herausfindet. Ein Bauwerk, das an das unsichtbare Labyrinth in Edmond Hamiltons Kurzgeschichte The Monster-God of Mamurth von 1926 angelehnt ist und Kenneth J. Stirling zur Nachahmung inspirierte. Stirlings erster Entwurf der Geschichte ist nicht überliefert, die finale Version wohl stark von Lovecraft überarbeitet. Ob das Bauwerk auf der Venus von den Echsenmenschen errichtet wurde, um ahnungslose Wanderer in die Falle zu locken, oder gar ein Überbleibsel einer noch mächtigeren Zivilisation ist – hier schließt Lovecraft lose an seinen Cthulhu-Mythos an – wird nicht abschließend geklärt.

Nicht zu übersehen ist aber die Ironie, mit welcher die Autoren die Erzählerstimme mit der geschilderten Wirklichkeit kontrastieren. Während die Venusbewohner friedlich und passiv bleiben, unterschätzt Stanfield ihre Fähigkeiten und wird von der eigenen Gier ins Verderben geführt. Aggressiv sind nur die Kolonisatoren von der Erde, wohingegen sich die Echsenmenschen auf Guerillastrategien beschränken. Der Krieg gegen die fremde Spezies wird von Anfang an nicht als zivilisatorischer Überlebenskampf glorifiziert, sondern nüchtern als Krieg um Rohstoffe beschrieben. Ebenso nüchtern ist der Ausgang, denn die Geschichte endet für mehr als nur eine Person tragisch. Während sich aber der Protagonist nicht nur in unsichtbaren Mauern, sondern auch in seinen eigenen Vorurteilen verrennt, erkennen die Leser seinen Irrsinn umso deutlicher, einen Irrsinn, der nicht einem einzelnen Menschen, sondern einer ganzen Kolonialmacht entspringt.

Howard Phillips Lovecraft, Kenneth J. Stirling (1936): In den Mauern von Eryx [Kurzgeschichte]. USA.

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