Ein großartiges Desaster! Lars von Triers ‚Melancholia‛ (2011)

Das Wort Desaster als Unglück oder Katastrophe leitet sich von französischen désastre bzw. dem italienischen disastro ab und bedeutet wörtlich soviel wie Unstern oder Unglücksstern. Ein solcher ist auch in Lars von Triers apokalyptischem Film Melancholia aufgegangen. Einerseits ist Melancholia kein eigentlicher Stern, sondern entpuppt sich als vagabundierender Planet, also als ein frei durchs All fliegender Exoplanet ohne eigenes Sonnensystem. Andererseits bringt er tatsächlich Unglück, denn der um ein Vielfaches größere Himmelskörper droht die Erde zu rammen.

Lars von Triers Filme sind für ihre tiefen kulturgeschichtlichen Bezüge und ihre komplexe Symbolik bekannt. Tatsächlich ist Melancholia so kunstvoll bzw. künstlich inszeniert, dass jedes noch so kleine Element darin zum Symbol wird, das entschlüsselt werden will. Der Film beginnt mit einer achtminütigen Eingangssequenz, die das Ende bereits vorwegnimmt. Zu Wagners Ouvertüre von Tristan und Isolde treffen die zwei Planeten aufeinander wie zwei Liebende zum Todeskuss. Besagte Ouvertüre bleibt die einzige musikalische Untermalung und kehrt so häufig wieder, dass der Film sich in seiner langsamen Erzählweise, der Gliederung in zwei Akte und der opulenten Ästhetik selbst wie eine vierstündige Oper anfühlt, obwohl er deutlich kürzer ist. Eine Hochzeit füllt die erste Hälfte des Films aus, doch kündigt die Musik schon an, dass diese nicht unter dem Zeichen der Liebe, sondern dem des Todes steht.

In Wagners Version des Tristan-Stoffes wird der Tod zunächst durch die Liebe verhindert, am Ende jedoch herbeigeführt. Tristan wird von Todessehnsucht getrieben und fügt sich bereitwillig in jede Gelegenheit, die seine Sehnsucht stillen könnte – im Gegensatz zur literarischen Vorlage Gottfrieds von Straßburg, welche einen ganz anderen Tonfall anschlägt. Der Todestrank, den Wagners Tristan von Isolde annimmt, um den Tod ihres Verlobten zu sühnen, entpuppt sich als Liebestrank. In einer nächtlichen Liebesszene sehnen beide die ewige Nacht herbei, da der Tag für die Täuschung der gesellschaftlichen Zwänge steht, ein Motiv, das auch für Melancholia noch wichtig werden wird. Am Ende wartet der tödlich verwundete Tristan, um in den Armen Isoldes den erlösenden Tod zu finden, welche daraufhin ihrerseits den Liebestod stirbt. Dieser Todestrieb oder Thanatos, wie er in der Psychoanalyse von Sabina Spielrein und Sigmund Freud geprägt wurde, ist an das musikalische Wagner-Thema gebunden und bildet damit auch das inhaltliche Thema des psychologisch äußerst feinsinnigen Films.

Die erste Hälfte erzählt die Hochzeit der jungen Justine mit Michael auf dem prächtigen Landsitz ihrer Schwester Claire. Wirkt das Paar in den ersten Minuten noch glücklich verliebt und die Hochzeitsfeier perfekt, so nimmt sich der Film die restliche Zeit, um diesen Eindruck wieder zu zerstören. Die Kameraführung ist verwackelt, die geschiedenen Eltern der beiden Schwestern warnen durch ihre bloße Anwesenheit vor dem Scheitern der Ehe. Justines reicher Arbeitgeber versucht ihr einen Slogan für eine Werbekampagne abzuhandeln und die strenge Claire ist bemüht, die Feier nicht platzen zu lassen. Unter dem Druck der feinen Gesellschaft fällt Justine jedoch wieder in eine nie ganz überwundene Depression zurück und entflieht der Feier.

Im zweiten Teil sind die Rollen vertauscht. Während die zu Beginn schwer depressive Justine zum Ende hin auf geradezu unheimliche Weise zu neuen Kräften zu gelangen scheint, verliert die sonst so beherrschte Claire immer mehr die Nerven. Nun endlich kündigt sich am Himmel der Planet Melancholia an, der Claires Gatten John zufolge knapp an der Erde vorbeifliegen wird. Claire jedoch plagt eine Todesangst, die Justine vollkommen kalt lässt. Während die erste Hälfte des Films dazu dient, Justine an der Gesellschaft scheitern zu lassen, dreht die zweite Hälfte die Perspektive um und zeigt, dass es in Wahrheit die Gesellschaft ist, die an sich selbst scheitert. Als sich herausstellt, dass die Berechnungen der Planetenflugbahn falsch waren, verliert Claire die Nerven und John bringt sich um. Justine allein ist es, die im Angesicht des Todes Frieden findet. Ist Melancholia damit allen klugen kulturgeschichtlichen Querverweisen zum Trotz nur der depressive Film eines depressiven Regisseurs?

In der symbolischen Eindeutigkeit des Planeten mit dem sprechenden Namen liegt auch ein Hinweis darauf, den Film nicht zu psychologisierend zu interpretieren. Zwar sind die wiederkehrenden Depressionen des Regisseurs kein Geheimnis, jedoch heißt der Film aus gutem Grund Melancholia und nicht etwa Depressiva. Eine Depression ist ein Krankheitsbild, das heißt ein Gemütszustand, der in unserer heutigen Gesellschaft aus bestimmten Gründen pathologisiert wird. Der Begriff der Melancholie ist jedoch weitaus schillernder und umfasst ein breites Spektrum von Gefühlen wie Trauer, Schwermut oder Tiefsinn, welche nicht zwangsläufig als krankhaft angesehen werden müssen. Im Zuge einer Gesellschaftskritik, die aus der Analyse von Ordnungsprozessen und Wahnzuschreibungen erwächst, wie sie etwa der französische Poststrukturalist Michel Foucault in Die Geburt der Klinik (1973) oder Überwachen und Strafen (1975) vornimmt, entfaltet Melancholie sogar ein subversives Potential.

Der Film nennt aber auch einen Grund für Justines Melancholie, der eng mit ihrer Rolle als gesellschaftsunfähige Träumerin zusammenhängt. All die absurden und kulturelle überformten Rituale und Gepflogenheiten der Hochzeit, vom Toast bis zum Anschneiden der Torte werden vor dem Hintergrund der drohenden Katastrophe in ihrer Sinnlosigkeit bloßgestellt. Nicht nur Kultur oder das menschliche Dasein, sondern das Leben an sich ist sinnlos und diese Sinnlosigkeit offenbart sich im Spiegelbild des erdähnlichen, aber toten Zwillingsplaneten. Die nach der Maßstäben der Gesellschaft kranke Justine ist die Einzige, die ohne technische Hilfsmittel wie Teleskope oder Drahtschlingen den nahenden Planeten betrachten kann, ohne in Panik zu verfallen. Hat sie zuvor wegen ihrer Schwäche noch das Bad in der Wanne verweigert, setzt sie sich in einer bezeichnenden Nacktszene ungeschützt dem Licht Melancholias aus, um Kraft aus dem Tod zu schöpfen. Auf die Frage, ob es noch anderes Leben im Weltall geben könnte, antwortet sie aus tiefster Überzeugung, sie seien allein. Der auf den ersten Blick psychologische Film entpuppt sich bei näherer Betrachtung als philosophischer, der die existenzialistische Konfrontation mit dem Nichts verhandelt und damit gerade in seiner Klarheit mehr Fragen als Antworten zurücklässt.

Lars von Trier (2011): Melancholia [Spielfilm]. Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland.

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