Die Welt in einem Bürokomplex: Rainer Werner Fassbinders ‚Welt am Draht‛ (1973)

Wie viel Künstlichkeit kann man der Kunst zumuten? Immersion ist ein Schlüsselbegriff visuellen Erzählens. Je detaillierter und realistischer das eigentlich nur Imaginierte dargestellt wird, desto besser, so mag man zumindest meinen. Allerdings funktioniert die sogenannte Suspension of Disbelief, also die willentliche Akzeptanz einer fiktionalen Geschichte, genauso gut bei Erzählformen, die keinen Wert auf exakte Mimesis legen, wie zum Beispiel Zeichentrickfilmen. 3D-Technik und Hyperrealismus machen eine Fiktion also nicht unbedingt glaubwürdiger, können sogar unbeabsichtigt einen Uncanny-Valley-Effekt hervorrufen, wenn gerade die Nähe zur gewohnten Realität Unbehagen erregt. Interessant wird es, wenn Fiktionalität selbst zum Verhandlungsgegenstand der Fiktion wird, das Erzählmedium also über sich selbst erzählt. Wie stellt man Realität und Fiktion innerhalb einer Fiktion dar und lässt sich überhaupt zwischen beidem unterscheiden? Eine ganze Reihe von Science Fiction-Filmen hat sich mit diesem Problem befasst, am prominentesten sicherlich die Matrix-Reihe der Wachowski-Geschwister oder die Truman Show von Peter Weir. Rainer Werner Fassbinders zweiteiliger Fernsehfilm Welt am Draht von 1973 hingegen dürfte eher unter Cineasten bekannt sein. Ebenso wie der ein Vierteljahrhundert später erschienene Film The 13th floor von Josef Rusnak handelt es sich um eine Adaption des Science-Fiction-Romans Simulacron-3 von Daniel F. Galouye (1964). Simulacrum bedeutet so viel wie Spiegelbild oder Trugbild: Um den Betrachter zu täuschen, muss also eine mögliche Realität nachgebildet werden, sonst handelt es sich zwar um eine Fiktion, aber nicht um eine Simulation.

Aber woher wissen wir, dass unsere Realität nicht auch eine Simulation ist? Die wohl älteste bekannte Simulationsgeschichte der Philosophie ist das Höhlengleichnis in Platons Politeía. In dem allegorischen Gedankenexperiment wird den in einer Höhle Geketteten die echte Welt außerhalb durch Schattenspielen simuliert. Erst wenn jemand aus der Höhle heraus ans Tageslicht geführt würde, wäre er in der Lage, die Täuschung zu durchschauen. Platon ging es allerdings nicht darum, die Echtheit unserer Welt anzuzweifeln. Für ihn symbolisierte die Welt außerhalb der Höhle eine geistige Ideenwelt, die sich den Sinnen der Menschen entzöge und nur mittels Philosophie zu erreichen wäre. Die Science Fiction hingegen kann, inspiriert von der digitalen Revolution, Platons Gleichnis wörtlich nehmen und in ein Cyberpunk-Setting übertragen. Durch das Medium Film werden die Zuschauer zu Philosophen, welche in der Lage sind, die Simulation der fiktiven Realität im Film zu durchschauen und auf die eigene Realität zu übertragen.

In Fassbinders fiktiver Realität eines Deutschlands der 70er-Jahre wurde ein Supercomputer entwickelt, der das Leben in einer Kleinstadt simuliert. Die darin agierenden Identitätseinheiten wissen nicht, dass ihre Realität einschließlich ihrer selbst nur aus Schaltkreisen besteht. Fred Stiller, ein Wissenschaftler mit dem Habitus (und der Frisur) eines Geheimrats, gespielt von Klaus Löwitsch, wird nach einem ungeklärten Todesfall zum neue technische Direktor des Instituts für Kybernetik und Zukunftsforschung ernannt. Während er sich noch per Kontaktschaltung mit den Identitätseinheiten in der Computersimulation herumschlägt, gelingt es einer davon, der Simulation zu entfliehen, indem sie ihr Bewusstsein mit dem eines Mitarbeiters austauscht – wie genau das funktioniert, wird leider nicht verraten. Als wäre das nicht genug, muss Stiller erkennen, dass auch er selbst nur Teil einer in sich verschachtelten Simulation ist. Im Unterschied zu den Matrix-Filmen ist der in der Simulation Gefangene kein sprichwörtliches Gehirn im Tank, sondern seinerseits nur ein Konstrukt aus Schaltkreisen, was eine radikalere Idee ist, weil das Bewusstsein hier keinen fleischlichen Körper mehr benötigt.

Während Fred Stiller mit existenziellen Zweifeln kämpft, verfehlt der Plottwist beim Publikum allerdings seine Wirkung, denn Fassbinder hat sich alle Mühe gegeben, die trostlose Bürokulisse so leblos wie möglich wirken zu lassen. Das Schauspiel ist in Brecht’scher Manier schlecht – man scheint den Zuschauern entgegenzurufen, dass alles nur gespielt ist –, die Dialoge hölzern und unsauber nachsynchronisiert – Letzteres ein bewusstes Stilmittel, um das gesprochene Wort zu verfremden. Die Atmosphäre ist kalt, die Musik zu schrill, das Pacing unendlich langatmig. Auch die in der Tat sehr durchdachte Kameraarbeit von Michael Ballhaus, über verschiedene Bildebenen hinweg oder mehrfach gespiegelt, verstärkt den Eindruck von Unwirklichkeit. Wenn all diese gewollten und ungewollten Kunstgriffe auf der einen Seite die Künstlichkeit der künstlichen Welt unterstreichen, so berauben sie den Zuschauer allerdings auch von Anfang an aller Illusionen. Schlimmer noch: sie ersetzen Illusion durch Langeweile, denn der zweiteilige Film braucht über 200 Minuten, um auszuführen, was die Bilder in jeder einzelnen Einstellung verraten.

Auf der anderen Seite findet am Ende des Films vom Übergang der Simulation in die Realität kein Stilbruch statt. Die echte Welt scheint sich von der Simulation nicht zu unterscheiden und legt damit gleichzeitig die Möglichkeit nahe, dass auch die Realität nur eine weitere Simulationsebene ist. Wenn aber Simulationen beliebig viele Ebenen haben können und aus der Introspektive nicht als Simulation erkannt werden, dann stellt dies das Konzept Realität selbst in Frage. Darin besteht die eigentliche Leistung des Films: Nicht darin, die eigene Realität als Simulation zu entlarven, sondern umgekehrt, die Begriffe Simulation und Realität zu Synonymen zu machen.

Ob Welt am Draht damit tatsächlich die bessere oder doch nur die frühere Matrix ist, sei den Zuschauern überlassen. Die Filmkritiken jedenfalls gehen mit großen Namen wie Fassbinder recht wohlwollend um. Die fehlenden Mittel zur technischen Umsetzung einer philosophisch ambitionierten Geschichte machen sich jedoch deutlich bemerkbar und so bleibt Welt am Draht am Ende mehr ein äußerst langatmiger Film noir als Science Fiction, der damit kämpft, das Novum der Romanvorlage erzählerisch in ein audiovisuelles Medium zu übersetzen.

Rainer Werner Fassbinder (1973): Welt am Draht [Spielfilm]. Bundesrepublik Deutschland.

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