Ein Déjà-vu: ‚The 13th Floor‛ (1999) von Josef Rusnak

Wem dieser Film beim ersten Sehen bekannt vorkommt, der lebt entweder in einer Simulation oder unterliegt einer Verwechslung (wahrscheinlich sogar beides), denn die Zeit um die Jahrtausendwende bringt, bedingt durch die technologischen Fortschritte der 1990er, einen regelrechten Simulations-Hype. 1998 erscheint mit der Truman Show eine intelligente (und daher ziemlich tragische) Komödie; bald darauf erobert der erste Matrix-Film das Kino und lässt im allgemeinen Bewusstsein kaum Platz für einen weiteren Simulationsfilm. Dabei hat The 13th Floor von Josef Rusnak und unter Mitwirkung von Roland Emmerich durchaus Beachtung verdient und ist auch mehr als nur ein amerikanisches Remake des sechsundzwanzig Jahre früheren Fernsehfilms Welt am Draht von Rainer Werner Fassbinder. Viel eher handelt es sich bei letzteren beiden um zwei unterschiedliche Adaptionen des Romans Simulacron-3 von Daniel F. Galouye (1964).

Im Jahr 1999 – Erzählgegenwart und Erscheinungsjahr des Films sind identisch – ist Hannon Fuller (gespielt von Armin Mueller-Stahl) Leiter eines Techunternehmens, welches in einer aufwändigen Virtual-Reality-Simulation ein Los Angeles des Jahres 1937 nachbildet. Die in der Simulation befindlichen Identitätseinheiten halten sich selbst für lebendig, haben auch eigene Persönlichkeiten, sind aber optisch echten Menschen aus der Realität nachgebildet. Die Simulation ist somit kein historisches Abbild, sondern eine Fantasieversion der Vergangenheit, wahrscheinlich ein Prototyp für kommerzielle Simulationen, ähnlich dem Vergnügungspark im Film Westworld, jedoch vollständig virtuell. Bevor die Testphase jedoch abgeschlossen ist, wird Fuller ermordet und sein Kollege Douglas Hall (gespielt von Craig Bierko), der sich an nichts erinnern kann, wird verdächtigt. Darauf macht sich Hall daran, in der virtuellen Welt nach Hinweisen auf den Mord zu suchen, allen voran ein Brief, den ihm Fuller vor seinem Tod dort hinterlegt hat.

Während in Fassbinders Film Welt am Draht der wissenschaftliche Experimentalcharakter der Simulation noch überwog, ist die Simulation in The 13th Floor stärker von Gamifizierung gezeichnet und stößt damit einen Mediendiskurs an, der insbesondere auf den Film, aber auch auf das Videospiel Bezug nimmt. Nicht um Erkenntnis geht es, sondern um Zerstreuung. Das Medium dient als Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Konsumenten und so ist es in der von Männern programmierten Welt kein Wunder, dass sie von Fuller hauptsächlich für sexuelle Abenteuer genutzt wurde. Die Künstlichkeit der Simulation, die bei Rusnak nicht durch den Mangel an Echtheit, sondern durch Licht in Szene gesetzt wird – hier nimmt der Film bereits die Filter sozialer Medien vorweg – zwingt die Zuschauer auch dazu, sich ihrer selbst bewusst zu werden. The 13th Floor geizt auch nicht mit Referenzen. Sowohl die Kulisse als auch die Kamerafahrten erinnern stark an Ridley Scotts Blade Runner und auch der Einfluss von Michael Ballhaus, welcher bei Welt am Draht die Kamera geführt hat und bei The 13th Floor an der Produktion beteiligt war, ist deutlich erkennbar. Zudem ist der Name John Ferguson (die Rolle, in die Douglas Hall in der Simulation schlüpft), eine Anspielung auf die gleichnamige Figur in Alfred Hitchcocks bekanntem Film Vertigo von 1958 – ein Film, in dem es sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinne um Schwindel geht und nach dem nebenbei bemerkt auch der Vertigo-Effekt (auch Dolly-Zoom) benannt ist. Je näher man hinblickt, desto mehr scheinen sich die Maßstäbe der Realität zu verschieben und vielleicht ist das der Grund, warum Craig Bierko die meiste Zeit über einen eher belämmerten Eindruck macht.

Es kommt, wie es kommen muss: Bei einer Autofahrt an den Rand der Welt wird Douglas damit konfrontiert, dass seine eigene Realität ebenfalls nur eine Simulation und er selbst einem realen Vorbild nachempfunden ist. Und auch wie bei Welt am Draht erfolgt die eigentliche Pointe erst ganz am Ende. Denn als es ihm nach allerlei Actionsszenen schließlich tatsächlich gelingt, aus der Simulation auszubrechen, ist die scheinbare Realität des Jahres 2024 beinahe zu glanzvoll, um wahr zu sein. Dem Publikum, das bereitwillig für die Dauer von 100 Minuten die eigene Realität gegen die von Douglas Hall eingetauscht hat, bleibt es schließlich überlassen, erleichtert oder verunsichert in die wirklichere Wirklichkeit zurückzukehren.

Josef Rusnak (1999): The 13th Floor [Spielfilm]. USA.

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