Von der Unmöglichkeit des Nicht-Erzählens – Joanna Russ: ‚We who are about to…‛ (1976)

Ein Astronaut ist allein auf einem fremden Planeten gestrandet und kämpft um sein Überleben. Mit technischem Know-How, Erfindergeist und einer guten Portion kolonialer Potenz gelingt ihm schließlich, was schon Robinson Crusoe in Daniel Dafoes gleichnamigem Roman von 1719 geglückt ist: der Triumph des Homo faber über die unzivilisierte Restmaterie. Ende.

So hätte Joanna Russ‘ Roman We who are about to… aussehen können, hätte ihn Andy Weir geschrieben, aber die zu diesem Zeitpunkt 39-jährige Schriftstellerin aus New York City ist erstens Literaturprofessorin und zweitens Feministin, weshalb dem Publikum eine Geschichte wie der fünfunddreißig Jahre später erschienene Marsianer erspart bleibt. Russ‘ Weltraumrobinsonade ist das, was man außerhalb der Science Fiction als Novelle bezeichnen würde: ein auf das Wesentliche reduzierter Kurzroman über eine – wie Goethe es formulierte – „unerhörte Begebenheit“.

Eine Gruppe von Weltraumreisenden strandet unerwartet auf einem erdähnlichen Planeten und muss um ihr Überleben kämpfen. Muss sie das? Was andere Robinsonaden als Prämisse der Geschichte voraussetzen, wird bei Russ neu verhandelt. So stellt nicht die ungeplante Notlandung die unerhörte Begebenheit dar, sondern das Verhalten einer einzelnen Frau, die sich der Logik ihrer Geschichte zu widersetzen versucht. Die Gruppe der Gestrandeten ist geschlechtlich gemischt, des Weiteren ist da ein Kind mit schlechten Überlebenschancen und die namenlose Ich-Erzählerin, deren Geschichte wir als ein verschriftlichtes Audiotagebuch zu lesen bekommen. Die Lebensmittelvorräte reichen für ein halbes Jahr, der fremde Planet scheint gleichgültig und unbesiedelt und die Aussicht auf Rettung ist gleich Null. Schnell kommen sie überein, dass das Überleben der menschlichen Zivilisation um jeden Preis sichergestellt werden muss. Die Lösung liegt in obligatorischem Geschlechtsverkehr, ungeachtet der begrenzten Ressourcen, da niemand weiß, ob sich auf dem fremden Planeten Nahrung beschaffen lässt. Aber Joanna Russ geht es offensichtlich nicht um Logik, sondern um die Dekonstruktion dessen, was sich in einer feministischen Wendung marxistischer Terminologie als herrschende Ideologie bezeichnen lässt: die vermeintlich natürliche Eigenlogik patriarchaler Gesellschaften. Warum also überhaupt überleben, wenn die Situation aussichtslos ist? Während sich der Rest der Gruppe diese Frage nicht zu stellen scheint, findet sich die Protagonistin mit ihrem tödlichen Schicksal ab und verweigert sich einem Happy End (und einer Vergewaltigung), indem sie allein in die Wildnis zieht. Nicht zum Überleben, sondern zum Sterben. Sie lässt damit auch keinen Zweifel über den unvollständigen Titel der SF-Novelle übrig: We who are about to… die.

Statt einen starken, hypermaskulinen Helden alleine gegen die Gefahren der Wildnis bestehen zu lassen, unterläuft der Text alle konventionellen Narrative, indem er dem männlichen Superhelden nicht einfach ein weibliches Pendant gegenüberstellt, sondern sich allem, was das sensationsfreudige Publikum erwartet, konsequent verweigert. Dieser radikale Versuch, der patriarchalen Logik zu entrinnen, führt allerdings auch zu einem eher charakter- als plotbasierten Text, dessen Lektüre allem Humor der Erzählerin zum Trotz nicht gerade leicht fällt. Der Verzicht auf einen konventionellen Plot mündet schließlich in so gut wie gar keinem Plot. Bei allen kritischen Überlebensfragen bringt keine der Figuren auch nur das geringste Interesse an der Erkundung eines noch unbekannten Planeten auf. Wenig hilfreich ist dabei auch der routinierte Drogenkonsum der Protagonistin, der einigen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzählinstanz aufkommen lässt. Findet die vermeintliche Bedrohung durch ihre männlichen Mitreisenden am Ende doch nur in ihrem Kopf statt? Dass die Protagonistin auf ihrer Flucht vor antizipierten oder halluzinierten Gefahren auf einem Besen durch die Luft reitet – die Zukunftstechnik macht es möglich –, zeugt jedenfalls vom schwarzen Humor der Autorin, die sich die Hexenverfolgung als eigentlich patriarchale Unterdrückungsstrategie (so die italienische Philosophin Silvia Federici) ästhetisch aneignet. Erzählerisch bleibt We who are about to… ein gemischtes Vergnügen. Bei aller Mühe, die Konventionen zu unterlaufen, erfindet der Kurzroman doch keine neuen Erzählmuster. Vielleicht ist auch gerade das der Punkt, auf den Russ hinaus will: Wo die Gesellschaft sich dagegen versperrt, sind keine Alternativerzählungen möglich.

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  1. Avatar von Antispeziesismus mit Becky Chambers‘ ‚Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten‛ (2014) – Dennis Biba

    […] der Narration, den Narrativen, an und setzt sich gegebenenfalls darüber hinweg (vgl. hierzu meine Kritik zu Joanna Russ). Becky Chambers‘ Roman Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, erster Teil der […]

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