2 Hunde im #All – ‚Project Hail Mary‛ (2026) von Phil Lord und Chris Miller

Das halbe Internet feiert Project Hail Mary als einen der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten. Doch ist der Hype gerechtfertigt oder erleben wir doch wieder nur die gleiche ermüdend oft aufgewärmte Weltrettungsgeschichte, diesmal als Buddy-Komödie? Die Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von Andy Weir ist genauso unterhaltsam wie einfallslos. Ryan Gosling verkörpert überzeugend das amerikanische Ideal: Einen gutherzigen, etwas tollpatschigen Lehrer, praktischerweise mit einem Doctor of Science, welcher ihn für seine Weltraummission qualifiziert. Ein Jedermann wie Truman (der aus der Truman Show, nicht der Präsident), sympathisch, auf dem Boden geblieben und immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen. Der teilweise recht penetrante Slapstickhumor trägt auch zugegebenermaßen gut über den zweieinhalbstündigen Film. Auch produziert die Kamera, wenn sie nicht gerade auf der Erde oder im Raumschiff ist, großartige Bilder. Greig Fraser, der zuvor die Kameraarbeit bei Villeneuves ersten beiden Dune-Filmen gemacht hat, weiß auch hier gekonnt mit der Orientierungslosigkeit des Weltalls zu spielen und die Bilder, die man zum Beispiel von der Oberfläche eines jupiterähnlichen Gasplaneten zu sehen bekommt, sucht man in anderen Weltraumfilmen vergeblich. Auf der anderen Seite sollen die im Minutentakt abgefeuerten Witze und die ambitionierte Bildsprache wohl davon ablenken, dass der Film auf der inhaltlichen Ebene nicht viel anzubieten hat.

Die Geschichte ist auch schnell erzählt: Eine fremdartige Spezies breitet sich im Weltall aus. Bald schon haben die Astrophagen genannten Mikroorganismen sich wie ein Schleier um sämtliche Sonnen der Umgebung gelegt, ein Schleier, der das Sonnenlicht dämpft und auf der Erde eine abrupte Eiszeit einläuten wird, wenn nicht ein tapferer Held zur Tat schreitet. Dieser Held ist der Physiklehrer Ryland Grace und er wird kurzerhand in das einzige Sonnensystem geschickt, das gegen die Astrophagenplage immun zu sein scheint, um dort Nachforschungen anzustellen. Am Ziel angelangt, begegnet er einem anderen Alien, welches aus dem gleichen Grund mit einem Raumschiff losgeschickt wurde wie er. Zusammen gelingt es den Space Buddies, den gemeinsamen Feind zu besiegen, woran ohnehin niemand nur eine Sekunde gezweifelt hätte.

Das menschliche Kinopublikum wird also mit zwei Arten von Aliens konfrontiert: Auf der einen Seite die Astrophagen, Zellkulturen ohne Kultur, die lebendig gewordene Dunkelheit und eine relativ lose Allegorie auf den anthropogenen Klimawandel, welcher jedoch die entscheidende Pointe der Anthropogenität fehlt. Auf der anderen Seite die Eridianer, intelligente, hundegroße Fünfbeiner, repräsentiert durch Rocky, Rylands zukünftigen Space Buddy. Rocky ist das komplette Gegenteil der gestaltlosen Astrophagen. Zwar mutet seine krabbenartige und gesichtslose Gestalt auf den ersten Blick fremdartig an, doch lässt der Film keine Gelegenheit aus, Rocky zu anthropomorphisieren, und geht dabei ähnlich plump vor wie seine kindlichere Vorlage E. T. von Steven Spielberg. Während Denis Villeneuve sich mit dem Erstkontaktfilm Arrival viel Zeit gelassen hat, die Schwierigkeit der Verständigung zwischen verschiedenen Spezies herauszuarbeiten, ist Kommunikation in Project Hail Mary ein rein technisches Problem, das kaum mehr als ein paar Sprachaufnahmen erfordert, da Rylands und Rockys Sprache sich zufällig fast nur auf der phonetischen Ebene unterscheiden. Abgeschlossen wird der Humanisierungsprozess dadurch, dass Rocky durch die Sprachübersetzungssoftware eine menschliche Stimme bekommt. Und an dieser Stelle macht es sich der Film zu einfach, nicht aus linguistischen Gründen, sondern weil er seine Sympathie nur an das Menschenähnliche vergibt. Rocky ist nach menschlichen Maßstäben süß – sein tollpatschiger Gang, sein kindlicher Satzbau, seine Imitationen menschlicher Gestik erinnern wahlweise an ein Kind oder ein Haustier – die einzigen Tiere, denen Menschen überhaupt ihre Liebe zu schenken gewillt sind. Ganz ähnlich soll uns auch Goslings treuer Hundeblick zu Mitgefühl verleiten, während die Astrophagen eine abstrakte Bedrohung bleiben.

Genau diese Emotionalisierung, die durch Niedlichkeit, Humor und jede Menge Popsongs erzeugt wird und dabei auffallend die Ästhetik von Instagram-Reels imitiert, lenkt aber von der politischen Seite des Films ab. Genau wie der Film The Martian (2015) von Ridley Scott, der ebenfalls auf einer Buchvorlage von Andy Weir basiert, bedient Project Hail Mary das Narrativ des (selbstverständlich weißen, männlichen und technische versierten) US-Amerikaners, der sich in der Wildnis des Weltalls gegen allerlei Gefahren zur Wehr setzen muss. Benutzte The Martian noch eine deutlich kolonialistischere Symbolsprache, ist Project Hail Mary in mancherlei Hinsicht progressiver. Hier ist es nicht mehr primär das technische Know-How des Astronauten, das ihn aus seiner misslichen Lage befreit, sondern seine Freundschaft zu Rocky. Verschwunden ist der Silicon-Valley-Solutionismus jedoch nicht, nur durch Emotionen übertüncht. Am Ende steht doch wieder eine technische Lösung, welche das Problem restlos beseitigt.

Der Elefant im Raum bleibt aber, beinahe verdeckt durch die vielen Slapstickaktionen, wie Ryland überhaupt auf das Raumschiff gelangt ist. In einer Rückblende kurz vor dem Ende des Films erfährt man, dass er vor die Wahl gestellt worden ist: Entweder auf dem Raumschiff sterben, weil der Antrieb nicht für den Rückflug reicht, oder ein paar Jahre später auf der Erde, in Folge der Klimakatastrophe. Ryland entscheidet sich für Letzteres, wird daraufhin in einer Hetzjagd überwältigt, betäubt und in das Raumschiff verfrachtet, in welchem er erst wieder erwacht, als es längst die Erde verlassen hat. Weil er nicht bereit ist, sich für das höhere Wohl zu opfern, entscheidet die Weltregierung (ein bewusst vage gehaltener Komplex aus führenden Politkern, Militärs und Wissenschaftlern) für ihn, ein Himmelfahrtskommando im Wortsinn. Während in The Martian das im All gestrandete Individuum zumindest noch rettenswert erschien, wird hier ein Opfermythos neu aufgerollt, der sich in den Wehrdienstdiskussionen der realen Welt widerspiegelt. Der Film macht sich jedoch nicht die Mühe, diesen Konflikt weiter auszuführen. Stattdessen findet sich Ryland mit seiner Rolle als heldenhafter (aber bald ziemlich toter) Retter der Menschheit ab und die Freundschaft mit Rocky lässt ihn glatt vergessen, dass er dieses Schicksal nicht selbst gewählt hat.

Im Kampf gegen den realen Klimawandel wird es zum Glück nichts bringen, einzelne Männer ins All zu schießen, wenngleich der Wunsch danach mit Blick auf gewisse Tech-Milliardäre verständlich ist. Der Klimawandel ist kein technisches Problem, sondern Resultat extraktivistischer Lebensweisen und erfordert daher kollektive, das heißt politische Antworten. Solche Komplexität sucht man aber bei Project Hail Mary vergebens.

Phil Lord, Chris Miller (2026): Project Hail Mary [Spielfilm]. USA.

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