Der unheilige Krieg gegen Gaia: ‚Nausicaä‛ von Hayao Miyazaki (1984)

Geschichten über Menschen und Natur zu erzählen, ist ein wahrhafter Drahtseilakt. Auf der einen Seite ist da die dunkle und bedrohliche Wildnis, die nur mühsam mit Feuer und Axt in Zaum gehalten werden kann. Auf der anderen Seite die Natur als romantisch verklärter Sehnsuchtsort, den es vor menschlichem Einfluss zu schützen gilt. Zwei konkurrierende Narrative, die konträre Rollenverteilungen vornehmen. Bei genauerem Hinsehen verschwimmen die so sorgsam gezogenen Grenzen: Der Mensch wird zum Säugetier, die idyllische Wiese zur Kulturlandschaft. Und scheinbar natürliche Ereignisse wie Starkregen oder Hitzewellen werden im Kontext des anthropogenen Klimawandels zunehmend zu Kulturkatastrophen. Schließlich melden sich die Kulturwissenschaften zu Wort und merken an, dass Natur als Konzept bereits ein Kulturprodukt ist, während die Sozialwissenschaften den Menschen als Produkt seiner Umweltbedingungen hervorheben. Nausicaä aus dem Tal der Winde (Originaltitel: 風の谷のナウシカ, Kaze no Tani no Naushika ) ist ein früher Versuch Hayao Miyazakis, zunächst als Manga, dann als Animefilm eine Ökogeschichte zu erzählen, die, statt von Natur und Kultur als feststehenden Entitäten auszugehen, deren unentwirrbare Verstrickung zum zentralen Handlungselement macht.

In einer postapokalyptischen Zukunft ist die Erdoberfläche zu großen Teilen von dichtem fauligen Wald überwuchert. Giftige Pilzsporen verseuchen die Luft und sind tödlich für alle Menschen, die sich ihnen zu lange ungeschützt aussetzen. Mutierte Bestien bevölkern die Fäulnis, allen voran die Ohmu, riesenhafte Insekten, die entfernt an Kellerasseln von der Größe eines Hauses erinnern. Die Menschheit hat sich in der Vergangenheit in einem globalen Krieg beinahe selbst ausgerottet, ihre Zahl ist stark geschrumpft. Im küstennahen Tal der Winde leben die Menschen vor den Sporen geschützt und versorgen sich mit Windkraft. Eine kleine Utopie, die jedoch in sich zusammenfällt, als ein Luftschiff des benachbarten Reiches Torumekia im Tal notlanden muss und den Wald mit Sporen verunreinigt. Rasch werden die Bewohner des Tals der Winde in einen Konflikt zwischen Torumekia und Pejite hineingezogen, welche beide den Pilzwald vernichten wollen.

Mitten in diesem Konflikt versucht die junge Prinzessin Nausicaä, zwischen den Parteien zu verhandeln und vor allem dem Wald, der nicht für sich selbst sprechen kann, eine Stimme zu geben. Nausicaä, die sowohl auf der gleichnamigen Figur aus der Odyssee als auch auf der japanischen Erzählung Mushi-mezuru Himegimi basiert, ist eine begabte Fliegerin, Botanikerin und kann wie sonst kein anderer Mensch mit Tieren kommunizieren. Während alle anderen im Meer der Fäulnis eine Bedrohung sehen, die nur durch Gewalt aus der Welt zu schaffen ist, findet Nausicaä heraus, dass nicht die Natur hier die Menschen bedroht, sondern die giftigen Sporen eine Spätfolge des nuklearen Krieges sind, der die Menschheit beinahe ausgelöscht hätte. Die Bäume sind in einem Prozess der Selbstregulation versteinert und binden die Schadstoffe, sodass das Grundwasser gereinigt wird. Die tierischen Bewohner des Pilzwaldes haben sich an ihre Umwelt adaptiert und schützen ihr Habitat vor Angriffen. Was auf den ersten Blick als unrettbar katastrophische Ökoapokalypse erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein sich selbst regulierendes Ökosystem. Eine Idee, die Lynn Margulis und James Lovelock im globalen Maßstab als sogenannte Gaia-Hypothese in den Umweltdiskurs eingebracht haben. Die Gaia-Hypothese ist übrigens weniger esoterisch, als der Titel vermuten lässt; sie versucht lediglich, bestimmte Selbstregulierungsmechanismen des Erdsystems in ein Bild zu fassen, während der Miyazaki-Film hingegen durchaus zu einer gewissen spirituellen Verklärung neigt. Ökosysteme sind, so die Botschaft, komplex und erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick. So haben jene Maßnahmen, mit denen die Menschen die Fäulnis zu bekämpfen versuchen, sie überhaupt erst hervorgebracht. Nausicaä geht mit bestem Beispiel voran und versucht sich (in Anlehnung an Donna Haraway) mit ihrer nicht-menschlichen Umwelt verwandt zu machen, statt sie als Ressource zu betrachten. Sie begreift, dass in einer katastrophischen Umwelt Überleben immer nur Koevolution („becoming with“) sein kann und der Mensch genauso Teil von äußerst fragilen Assemblages (vgl. Anna Tsing), also ökologischen und ökonomischen Gefügen, ist wie alle anderen Lebewesen.

Nausicaä aus dem Tal der Winde ist damit der Ökofilm von Ghibli schlechthin, wenngleich er selbst eigentlich noch vor der Gründung des weltbekannten Filmstudios produziert wurde. Die Beteiligung des WWF an dem Film birgt an sich schon genug Diskussionsstoff für viele weitere Blogartikel, sei hier aber nur beiläufig erwähnt. Eine gewisse Naturromantik scheint am Ende dann doch durch, wenn die Beilegung des Konflikts zwischen Menschen und Ohmus zu einem Kommunikationsproblem vereinfacht wird, das nur von einer mythisch verklärten Erlöserfigur gelöst werden kann. Der Film illustriert geradezu lehrbuchhaft, wie sich menschliche Lebensweisen auf das Ökosystem auswirken können. Dass auf diese Einsicht aber kein Happy End folgen kann, weil ökologische Selbstregulierungsprozesse sich nicht an menschliche Zeitspannen halten, birgt eine eigene Tragik, die nicht aufgelöst wird. Was bleibt, ist die vage Hoffnung, dass zukünftige Generationen es einmal besser haben werden.

Hayao Miyazaki (1984): Nausicaä aus dem Tal der Winde [Film]. Japan.

Hinterlasse einen Kommentar